Ehrung für Walter Rathenau

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Bildung im Vorübergehen | Vermischtes
von Tobias Matussek

Am Rathenauplatz in Halle wurden Zusatzschilder angebracht, die an den Namensgeber erinnern.

Ehrung für Walter Rathenau

 Bei strömenden Regen wurde Anfang des Monats das Paulusfest gefeiert. In diesem haben haben die BÜRGER.STIFTUNG.HALLE, die Bürgerinitiative Paulusviertel e.V. und die Hausgemeinschaft Rathenauplatz 15 Zusatzschilder am Rathenauplatz rings um die Pauluskirche anbringen. Seit 1945 trägt der zentrale Platz im Paulusviertel diesen Namen. Die Bürgerinitiative Paulusviertel hatte schon vor Jahren den Antrag gestellt, doch mit einem kleinen Zusatzschild daran zu erinnern, wer dieser Walter Rathenau eigentlich war. Das Projekt der Bürgerstiftung hat es nun möglich gemacht.Walther Rathenau wurde als ältester Sohn des deutsch-jüdischen Industriellen Emil Rathenau (des späteren Gründers der AEG) und seiner Ehefrau Mathilde (geb. Nachmann) am29. September 1867 in Berlin geboren. Die traumatisch erlebte Kluft zwischen Zugehörigkeit zur Elite der Wirtschaft und später auch der Politik und gleichzeitiger Diskriminierung als Kind jüdischer Eltern begleitete ihn und bestimmte sein Handeln und Denken sein Leben lang.Nach gescheiterten Versuchen, dem Berufsbereich des Vaters durch die Hinwendung zur Kunst oder eine Offiziers- und Diplomatenkarriere zu entgehen, fügte er sich und übernahm 1893–1898 den Aufbau der von der AEG gegründeten Elektrochemischen Werke in Bitterfeld. So ist er sicher damals auch in Halle gewesen und verhandelte mit den preußischen Ämtern. Er wurde engster Berater seines Vaters und erhielt bald Sondervollmachten und den Titel „Präsident der AEG“.Während er praktisch zur Fortführung des väterlichen Großunternehmens beitrug, wollte er theoretisch als Schriftsteller die moderne Welt des Kapitalismus und Materialismus kulturkritisch durchdringen und verbessern. Über Zukunftsvorstellun-gen äußerte er sich 1917 in seinem wirkungsvollsten Buch „Von kommenden Dingen“. Wirtschaftliche Rationalisierung und Verfassungsreformen hielt er für wichtig, aber noch notwendiger erschien ihm eine Bewußtseinsveränderung. Dennoch begrüßte er 1914 den Weltkrieg als richtigen Schritt zur Neuordnung  Europas und übernahm verschiedene Aufgaben in der Rüstungsindustrie. Trotz seiner harten Haltung im Krieg wurde er aber später zur Zielscheibe von antisemitisch motivierten Angriffen durch die Anhänger der „Dolchstoßlegende“.Als Wirtschaftssachverständiger und Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) arbeitete er 1920 in der zweiten „Sozialisierungskommission“. In dieser Kommission saßen neben führenden marxistischen Theoretikern aus beiden Arbeiterparteien und den Gewerkschaften Vertreter der bürgerlichen Sozialreform und der Wissenschaft und und erarbeiteten Vorschläge zur Verstaatlichung des Kohlebergbaus und anderer zentraler Wirtschaftsgebiete. Wegen seines entspannungsfördernden Verhandlungsgeschicks und seines internationalen Ansehens wurde er im Mai 1921 Wiederaufbauminister im Kabinett des Reichskanzlers Joseph Wirth und schloss im Oktober mit Frankreich das Wiesbadener Abkommen über privatwirtschaftliche deutsche Sachlieferungen an französische Kriegsgeschädigte. Am 31. Januar 1922 wurde er zum Außenminister im zweiten Kabinett Wirth ernannt, um Deutschland bei der Weltwirtschaftskonferenz von Genua zu vertreten. Hier ge-langen ihm kleine Fortschritte in der Reparationsfrage, und er fand sich unter Beden-ken bereit, am 16. April 1922 mit Sowjetrussland in Rapallo einen bilateralen Son-dervertrag abzuschließen, um Deutschland außenpolitisch mehr Handlungs-freiheit zu verschaffen. Wenn auch dieser Schritt gerade von nationaler Seite begrüßt wurde, hielt er die rechtsradikale Organisation Consul nicht davon ab, ein Attentat gegen diesen ersten erfolgreichen Außenpolitiker der Weimarer Republik durchzuführen.Am 24. Juni 1922 – also vor fast 90 Jahren -  gegen 11 Uhr vormittags wurde Reichsaußenminister Rathenau im offenen Fond seines Wagens von sogenannten Fememördern  ermordet. Die beiden Täter, der 23jährige Kieler Jurastudent und ehemalige Marineoffizier Erwin Kern und sein Komplize Hermann Fischer, ein 26jähriger Maschinenbauingenieur aus Chemnitz, konnten schließlich am 17. Juli 1922 auf der Burg Saaleck nahe Bad Kösen, damals in der preußischen Provinz Sachsen, gestellt werden.  Die Weimarer Republik ist gescheitert, weil sie nicht energisch genug gegen Restauration und heraufziehender Diktatur verteidigt wurde. Heute wissen wir, daß eine demokratische und tolerante Gesellschaft immer wieder gefährdet wird von Gruppeninteressen und Gleichgültigkeit, Vorurteilen und Mißgunst. Walter Rathenau kann und soll uns allen ein Vorbild sein, die eigenen Gaben und Hoffnungen einzusetzen für eine lebendige Gemeinschaft und eine lebenswerte Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder.  

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