Kurfürstlicher Flusspferdzahn kehrt in die Wunderkammer August Hermann Franckes zurück

Franckesche Stiftungen | Vermischtes
von hallelife.de | Redaktion

Am 27. Januar 2020 kehrte der Flusspferdzahn aus der Sammlung des Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg in die Kunst- und Naturalienkammer des Halleschen Waisenhauses zurück. Das Objekt war 1698 auf kurfürstlichen Befehl an August Hermann Francke (1663–1727) gesendet worden. Zu DDR-Zeiten waren die Objekte der Sammlung aus dem maroden Dachgeschoss des Waisenhauses gerettet und in verschiedenen Räumen der Stiftungen zwischengelagert worden.

Bei der Sanierung des Waisenhauses und in Vorbereitung der Wiedereröffnung der barocken Wunderkammer am 12. Oktober 1995 war der Zahn mit der Signatur 2D.F. zunächst als fehlend vermerkt worden. »Nach jahrelanger gründlicher Suche in den benachbarten Sammlungen und einem Aufruf in den Medien mit der Beschreibung der typischen Wunderkammer-Signatur schien die Wiederentdeckung einzelner Objekte bisher eher unwahrscheinlich«, freut sich Stiftungsdirektor Prof. Dr. Thomas Müller-Bahlke über den Sensationsfund. 1995 hatte er als Archivar der Stiftungen die Kunst- und Naturalienkammer am historischen Standort wiedererstehen lassen. Er gilt heute als ihr profundester Kenner.

Das Objekt der Aufmerksamkeit ist ein ca. 50 cm langer Flusspferdzahn, auf dem die schwarze Signatur 2D.F. deutlich erhalten ist. Wahrscheinlich aus späteren Zeiten stammt die Inschrift »Elefant, Stoßzahn«, vermutet Dr. Claus Veltmann, Kustos des Waisenhauses. Dass es sich jedoch um einen Flusspferdzahn handelt, haben Zoologen bestätigt. Dieser ist bereits im ersten handschriftlichen und numerisch aufgebauten Katalog der Sammlung aus dem Jahr 1698 unter der Nummer 44 als Geschenk des Kurfürsten vermerkt.

August Hermann Francke hatte 1698, im Jahr der Grundsteinlegung des Halleschen Waisenhauses, seinen Kurfürsten in einem Brief um Duplikate aus der landesherrlichen Wunderkammer gebeten: Durch das Geschenk würde »die studirende Jugend kräftig ermuntert […], das höchstnützl. und zu Gottes sonderbaren Ehren zielende studium naturale emsig zu excolieren« (vervollkommnen). Dieser Brief gilt als Gründungsurkunde der Kunst- und Naturalienkammer, die zusammen mit der Bibliothek und dem Hortus Medicus, dem Arzneikräuter-Garten, den Kern der für alle Schichten der Gesellschaft konzipierten pietistischen Bildungseinrichtung formte. Sieben kurfürstliche Objekte sind im handschriftlichen Katalog der Sammlung aus dem Jahr 1698 verzeichnet. Also konnten die Besucher schon seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts die zwei Walpenisse oder das Straußenei aus dem Konvolut der Schenkung besichtigen. In den 1720er Jahren kamen täglich bis zu 60 Besucher, informiert der 2012 in der zweiten Auflage im Verlag der Franckeschen Stiftungen erschienene Bildband zur Kammer.

Durch Schenkungen und Zusendungen der halleschen Emissäre aus aller Welt wuchs die Sammlung stetig an. Im ersten gedruckten Katalog aus dem Jahr 1700 waren es bereits 180 Objekte, heute zählt die Sammlung ca. 3.000. Im Zuge der grundlegenden Ordnung durch Gottfried August Gründler (1710–1775) in den Jahren 1736–41 war der Flusspferdzahn dem Tierschrank zugeordnet worden. Hier fand er sich unter anderem zusammen mit einem reich verzierten Straußenei, Nasspräparaten von menschlichen Föten oder einem kleinen Horn »von einem gehornten Hasen«.

So stand das großzügige kurfürstliche Geschenk für die guten Beziehungen Franckes zum brandenburgisch-preußischen Herrscherhaus und illustrierte damit auch die weitreichenden Verbindungen des Netzwerkes der Halleschen Pietisten. Gleichzeitig war der Zahn Objekt der Gelehrsamkeit und Medizin. Flusspferdzähne waren im 18. Jahrhundert bereits in der Medizin bekannt und sehr beliebt. Zedlers Universal-Lexikon (1731–1754) hebt die hervorragenden Eigenschaften als Zahnersatz hervor: Die Ersatzzähne werden mit einem Golddraht an den Nachbarzähnen befestigt, sie sind hart wie Feuerstein und werden nicht gelb, wie Zahnersatz aus Elfenbein.

Der Flusspferdzahn hatte in den letzten Jahren unerkannt in der Biologiesammlung des Landesgymnasiums Latina August Hermann Francke geschlummert. Nicht alle Objekte der historisch gewachsenen Sammlung werden regelmäßig im Schulunterricht benutzt, erklärt der Schulleiter Dietmar Hoge. Bei einer Routineüberprüfung der Objekte ist Anfang des Jahres die deutliche Signatur aufgefallen und die Absprachen mit den Stiftungen über den Verbleib des Zahns erfolgten. »Wir freuen uns, ein so wertvolles Objekt wieder in die Kunst- und Naturalienkammer zurückgeben zu können.«

Ab sofort ist der Flusspferdzahn im Tierschrank der Kunst- und Naturalienkammer Di-So 10-17 Uhr im Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen zu besichtigen. (Eintritt 6 Euro, erm. 4 Euro, Kinder bis 18 Jahre frei)

Bildband zur Kunst- und Naturalienkammer

Müller-Bahlke, Thomas: Die Wunderkammer der Franckeschen Stiftungen

  1. überarbeitete und erweiterte Auflage, 2012

ISBN 978-3-447-06986-1, 42,00 Euro

 

SAVE THE DATE

Faszination Wunderkammer

Von Francke über Goethe zu Sauerlandt – oder warum die Kunst- und Naturalienkammer überlebt hat (1698–1939)
Vortrag von Prof. Dr. Holger Zaunstöck, Leiter der Stabsstelle Forschung in den Franckeschen Stiftungen

MITTWOCH | 29. JANUAR 2020| 18.00 UHR | ENGLISCHER SAAL

Der Vortrag präsentiert neueste Forschungsergebnisse, die Antworten auf die Frage bereithalten, warum die Kammer über die Jahrhunderte hinweg erhalten geblieben ist, während unzählige andere Kammern in ganz Europa verschwunden sind. Der Vortrag erzählt die Geschichte eines frühen Museums von der Aufklärung über das Kaiserreich bis in die Zeit des Nationalsozialismus. An ausgewählten Beispielen wird erstmals der Weg der Wunderkammer durch die Neuzeit in den Blick genommen. So wird etwa die Frage erörtert, ob Johann Wolfgang v. Goethe die Kammer 1802 besucht hat und es werden überraschende Bezüge zu den Anfängen des Tourismus in Halle sichtbar. Die detektivische Spurensuche lässt so ein neues Bild von der Geschichte der halleschen Wunderkammer entstehen, das viele überraschende Perspektiven bereithält: nicht zuletzt auch auf den hallischen Museumsdirektor Max Sauerlandt, der die Kammer 1911 nach eigenen Bekunden wiederentdeckt hat.

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