»Berge versetzen«. Jahresprogramm der Franckeschen Stiftungen weckt Tatkraft

Franckesche Stiftungen | Veranstaltung
von hallelife.de | Redaktion

2020 haben die Franckeschen Stiftungen ein besonders kraftvolles Motto mit hochaktuellen Bezügen für ihr Jahresprogramm gewählt: »Berge versetzen. Über Tatkraft in Geschichte und Gegenwart.« Im Mittelpunkt steht das bürgerschaftliche Engagement als treibende Kraft für gesellschaftliche Veränderung. Das wird am Beispiel der Wiederbelebung der Franckeschen Stiftungen nach der Wiedervereinigung Deutschlands deutlich. 

Das Gemeinschaftswerk vieler gesellschaftlicher Kräfte begann mit einer Gruppe engagierter Bürgerinnen und Bürger, die sich am 9. Juni 1990 zu einem Freundeskreis der Franckeschen Stiftungen zusammenschlossen.Sie verfolgten den damals angesichts des ruinösen Zustands unvorstellbaren Plan, die Franckeschen Stiftungen wieder als ausstrahlungskräftige Bildungseinrichtung zum Leben zu erwecken. Das Bild der Franckeschen Stiftungen heute, 30 Jahre später, zeigt eindrucksvoll, dass Tatkraft und bürgerschaftliches Engagement Berge zu versetzen vermag. »Unsere Gesellschaft ist auf das Engagement jedes Einzelnen, auf freien Meinungsaustausch und gewaltfreie Diskussionskultur angewiesen«, unterstreicht Prof. Dr. Thomas Müller-Bahlke, Direktor der Franckeschen Stiftungen. Darauf baut das diesjährige Veranstaltungsprogramm auf. Hochrangige, international renommierte DenkerInnen und RednerInnen, PolitikerInnen und AktivistInnen sind der Einladung gefolgt. Sie bieten in zahlreichen Formaten die Möglichkeit, an aktuellen gesellschaftlichen Debatten teilzunehmen.

 

Das ist 2020 in den Franckeschen Stiftungen neu:

Dem 30. Gründungsjubiläum des Freundeskreises ist die Francke-Feier im März gewidmet. Gäste aus ganz Deutschland werden erstmals an vier Tagen in insgesamt 15 Veranstaltungen erwartet. Julian Nida-Rümelin, Philosoph und Staatsminister a.D., konnte für die Festrede in der zentralen Festveranstaltung im Freylinghausen-Saal (21. März, 11 Uhr) gewonnen werden.

Neu im Jahresprogramm ist die renommierte Paul-Raabe-Vorlesung (4. Juli, 17 Uhr) die bisher in der Klassik-Stiftung Weimar beheimatet war. Das einzigartige Engagement Raabes ist Anlass, sie 2020 in Halle durchzuführen. Der Publizist und Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford, Silicon Valley) wird mit Berliner Philharmonikern das Programm unter dem Titel gestalten »Was >Bildung< hieß - was sie verhieß - und ob ihre Erneuerung vom Pazifik kommen kann.«

Erstmals in den Franckeschen Stiftungen wird Katrin Göring-Eckardt zu Gast in der Reihe »Persönlichkeiten im Gespräch« sein, einer erfolgreichen Kooperationsveranstaltung mit MDR-Kultur. Gemeinsam mit Jakob Blasel, Umweltaktivist in der Fridays for Future Bewegung, wird das Engagement für die Zukunft an dem Abend im Freylinghausen-Saal im Mittelpunkt stehen. (22. April, 18 Uhr)

International sind die Franckeschen Stiftungen im Programm 2020 rund um den Globus vernetzt. Der Harvard-Absolvent Simon Grothe (Wellesley College) wird zusammen mit seiner Kollegin Kelly Whitmer’s (Sewanee, The University of the South) die erste Sommerschule für DoktorandInnen und NachwuchswissenschaftlerInnen aus den USA im Archiv und der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen durchführen (5.–16. Juli). Gemeinsam mit der Kunstkamera in St. Petersburg und der Filiale des Archivs der Akademie der Wissenschaften werden die 26. Deutsch-Russischen Begegnungen (7.–11. Oktober) in Halle stattfinden. Die Kooperation zählt aktuell zu den deutschlandweit am längsten kontinuierlich durchgeführten deutsch-russischen Wissenschaftsprojekten. Das Museum für den interkulturellen Dialog in Tharangambadi (Indien) wird in einer Ausstellung im Historischen Waisenhaus in Halle präsent sein. Die vielfach ausgezeichneten StipendiatInnen der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt, Christine Bergmann und Stefan Schwarzer, stellen die bei ihrem Aufenthalt im vergangenen Jahr in Tharangambadi entstandenen Arbeiten vor (Ausstellungseröffnung am 9. Mai).

 

WEITERE HÖHEPUNKTE IM JAHRESPROGRAMM

Kultur

Höhepunkt der Francke-Feier (19.–22. März) ist am Samstag (22. März, 13.30 Uhr) die Eröffnung der ersten Freiluftausstellung in den Franckeschen Stiftungen unter dem Titel »Mit Tatkraft und Gottvertrauen. Vom Wandel der Franckeschen Stiftungen seit 1990« (22. März–13. September). 40, teils monumentale Fotografien mit Ansichten der Stiftungsgebäude vor ihrer Rettung führen in den Sichtachsen des Lindenhofs vor Augen, dass gemeinsam unmöglich Scheinendes wahr werden kann. Zur Museumsnacht (9. Mai) wird daran erinnert, wie der Freylinghausen-Saal als Turnhalle zur Verfügung stehen musste.

Die Jahresausstellung (28. Juni–28. Februar 2021) »Am Abgrund der Zeit. Erdgeschichten und die Anfänge der Geologie« würdigt einen unverdient in Vergessenheit geratenen Wissenschaftler aus Halle, Johann Christian Keferstein (1784–1866). Der Jurist und Amateurgeologe gab 1821 die erste geologische Karte Deutschlands heraus und etablierte damit ein teilweise bis heute gültiges Farbsystem für die unterschiedlichen Gesteinsarten, welches eigens Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) für ihn entwickelt hatte. Die kulturhistorische Ausstellung endet mit dem Anthropozän und der Frage danach, wie sehr der Mensch die Erde zu verändern vermag und ob dies angesichts der dramatischen Umweltveränderungen als eigenes Zeitalter der Erdgeschichte anzusehen ist.

Wissenschaft

Zum 350. Geburtstag (2. Dezember) des berühmtesten hallischen Kirchenlieddichters Johann Anastasius Freylinghausen (1670–1739) hat die hymnologische Forschungsstelle in den Franckeschen Stiftungen die Edition des Freylinghausenschen Gesangbuchs abgeschlossen. Die 1.500 Texte und 600 Melodien des Freylinghausen hatten Halle Anfang des 18. Jahrhunderts zu einem weit ausstrahlenden Zentrum evangelischer Liedkultur gemacht. Das edierte und damit wieder breit zugänglich gemachte Material wurde von WissenschaftlerInnen weltweit und auch von der Lautten-Compagney begeistert aufgegriffen. Die Experten für die Aufführung der Barockmusik stellten mit mehreren Konzerten und 2 CD-Einspielungen die Lieder des Freylinghausenschen Gesangbuchs einem breiten Publikum vor.

Seit mehreren Jahren findet eine lebhafte Debatte über den Umgang mit und die mögliche Rückgabe von Artefakten statt, die in Museen aus der Kolonialzeit des europäischen Imperialismus aufbewahrt werden. Ebenso mehren sich die Aufrufe, die Geschichte der Aufklärung einer postkolonialen Kritik zu unterwerfen. Die Halle Lectures stellen auf Initiative der Franckeschen Stiftungen gemeinsam mit den Forschungszentren auf dem Stiftungsgelände diese globale Wissensgeschichte zur Diskussion. In diesem Jahr ist Prof. Dr. Jakob Vogel, Direktor des Centre Marc Bloch (Berlin) und Professor für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Science Po (Paris), zu Gast. Der deutsche Kulturrat hat die Franckeschen Stiftungen dazu eingeladen, gemeinsam eine Tagung zum Postkolonialismus zu veranstalten. 2020 werden die Vorbereitungen starten.

Bildung

Die Franckeschen Stiftungen sind die einzige Kultureinrichtung der KNK (Konferenz nationaler Kultureinrichtungen), die Träger von sozialen und Bildungseinrichtungen ist. Dahinter steht das Anliegen, mit maßgeschneiderten Bildungsangeboten alle Schichten der Gesellschaft zu erreichen. Bildungsvermittlung ist eine Grundfeste unserer Demokratie, die durch Engagement unschätzbar gewinnt. Mit viel persönlichem Einsatz wird am Familienzentrum das Projekt Familienpaten durchgeführt, bei dem ehrenamtliche HelferInnen beispielsweise junge Familien mit Kindern (bis 6 Jahre) unterstützen. Engagement ist gefragt, wenn beim Stammtisch Sprache Menschen Hilfe suchen, die gerne besser Deutsch lernen wollen. Dank der Unterstützung durch Freiwillige können Kinder von der Grundschule bis zum Abitur im Familienzentrum Lernförderung in Anspruch nehmen. Das Mitgestalten aktiv zu Lernen ist Ziel der offenen Kinder-und Jugendarbeit, wie bei dem Projekt #meinehood_halle, das sich an junge Menschen richtet und die Stadt Halle verändern wird. Jugendliche haben Vorschläge gemacht, was sie in ihrem Stadtteil ändern wollen. Sie haben konkrete Projekte erarbeitet und setzen sie 2020 gemeinsam mit vielen Partnern um.

Baugeschehen

Der Wiederaufbau des historischen Gebäudeensembles der Franckeschen Stiftungen kann 2021 nach 30 Jahren mit der grundhaften Instandsetzung von drei Gebäuden aus dem 18. Jahrhundert erfolgreich abgeschlossen werden. Die Maßnahme umfasst die Sanierung der ehemaligen Druckerei sowie von zwei Feldscheunen. Nach der Instandsetzung werden darin zusätzliche Projekt-, Büro- und Veranstaltungsräume entstehen, die zahlreichen Einrichtungen auf dem Gelände der Franckeschen Stiftungen zur Verfügung stehen. 2021 wird dann das schier unglaublich scheinende Gemeinschaftswerk des Wiederaufbaus der Franckeschen Stiftungen im Mittelpunkt des Jahresprogramms stehen.

Beitrag Teilen

Zurück