Udo Grashoff: „Hallesche Originale aus 1200 Jahren“

Dieses Element verwendet noch das alte Contao 2 SRC-Format. Haben Sie die Datenbank aktualisiert?

Rezension | Kunst & Kultur
von Tobias Matussek

Wenn einer Schlagfertigkeit, Witz, Schnoddrigkeit oder exzentrisches Auftreten an den Tag legt, nennt man ihn meist einen Sonderling. Kommt zu diesen bizarren Eigenschaften noch lokale Bekanntheit und eine gewisse Bodenständigkeit hinzu, spricht man von einem Original. Als Schusterjunge, Nachtwächter, Fischweib, Kohlenfritze, Eckensteher, Leierkastenmann oder Droschkenkutscher zeichneten sie sich früher durch ihre eigentümliche Lebens- und Denkweise aus

Udo Grashoff: „Hallesche Originale aus 1200 Jahren“

Wenn einer Schlagfertigkeit, Witz, Schnoddrigkeit oder exzentrisches Auftreten an den Tag legt, nennt man ihn meist einen Sonderling. Kommt zu diesen bizarren Eigenschaften noch lokale Bekanntheit und eine gewisse Bodenständigkeit hinzu, spricht man von einem Original.

Als Schusterjunge, Nachtwächter, Fischweib, Kohlenfritze, Eckensteher, Leierkastenmann oder Droschkenkutscher zeichneten sie sich früher durch ihre eigentümliche Lebens- und Denkweise aus. Über sie sind unzählige Anekdoten überliefert. Obwohl sie häufig als „Säuferpack“ verunglimpft wurden, findet man ihre Skulpturen in fast allen Städten. Eine Verehrung für schrullige Lebenskünstler oder außerordentliche Genies?!

Auch in der halleschen Stadtgeschichte gibt es zahlreiche solcher seltsamen Typen, die Udo Grashoff in seinem Buch „Hallesche Originale aus 1200 Jahren“ vorstellt, das jetzt in einer zweiten, erweiterten Auflage im Hasenverlag erschienen ist. Die frühesten halle-schen Originale sind der Müllerbursche mit seinem Esel und Ludwig der Springer, dem berühmtesten Häftling der Saalestadt.

Eine schillernde Figur im 18. Jahrhundert war Christian Andreas Käsebier, dessen turbulentes Leben 1972 mit Manfred Krug verfilmt wurde. Der Erzbösewicht zog mit einer Bande von 50 Räubern durch die Lande. Ein Raufbold war auch Turnvater Jahn, der 1796 zum Studium nach Halle kam, doch bald in den „Criminalacten“ der Universität auftauchte und dann in einer Höhle an der Saale untertauchte. Man glaubt es kaum, auch der erfolgreiche Komponist Robert Franz soll ein absonderlicher Künstler gewesen sein.

Mit der beginnenden Industrialisierung und der damit verbundenen Armut tummelten sich immer mehr eigenartige Charaktere in der Saalestadt: ob Sargdeckelwirt, Zellen-Franz, Speckkuchentante oder Zeitungs-Maxe. Halles bekanntestes Original war sicherlich Zither-Reinhold (eigentlich Reinhold Lohse), den viele der älteren Hallenser noch kennen. Mit seiner Zither zog der einfältige Straßenmusiker durch die Innenstadt und die Leute steckten ihm Geld, Zigaretten und Süßigkeiten zu. Alkohol lehnte er strikt ab.

Udo Grashoff hat in liebevollen Kurzporträts die halleschen Originale zusammengetragen, vom armen Schlucker bis zum Universitätsprofessor. Sie alle wurden zwar von ihren Zeitgenossen belächelt, aber auch als Fels in der Brandung von Elend und Betriebsamkeit verehrt. Zahlreiche historische Fotos illustrieren diese interessante Veröffentlichung, die als Nummer 4 der Mitteldeutschen Kulturhistorischen Hefte erschienen ist. Mit ihr wird die hallesche Stadtgeschichte einmal aus der humorvollen Perspektive beleuchtet.

Manfred Orlick


Hasenverlag Halle/Saale 2010, 2. Aufl., 12,80 €, 80 S., ISBN 978-3-939468-03-5

Beitrag Teilen

Zurück