Gart der Gesundheit

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Ausstellung | Kunst & Kultur
von Tobias Fischer

[fotostrecke=218] Eine Ausstellung, die auch noch etwas für die Gesundheit tut? Genau das bietet eine neue Schau in den Franckeschen Stiftungen in Halle (Saale). Passend zur kalten Jahreszeit kann sich jeder Besucher hier einen Richterschen Husten- und Brusttee der Glauchschen Anstalten zusammenmischen. Man nehme einen Teelöffel getrocknete Melissenblätter, ein Teelöffel Anisfrüchte, ein Teelöffel Fenchelfrüchte, einen halben Teelöffel getrocknete Ysopblätter, ein Viertel Teelöffel Zitronen- oder Orangenschalen, ein Viertel Teelöffel Süßholzwurzel

Gart der Gesundheit

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Eine Ausstellung, die auch noch etwas für die Gesundheit tut? Genau das bietet eine neue Schau in den Franckeschen Stiftungen in Halle (Saale). Passend zur kalten Jahreszeit kann sich jeder Besucher hier einen Richterschen Husten- und Brusttee der Glauchschen Anstalten zusammenmischen. Man nehme einen Teelöffel getrocknete Melissenblätter, ein Teelöffel Anisfrüchte, ein Teelöffel Fenchelfrüchte, einen halben Teelöffel getrocknete Ysopblätter, ein Viertel Teelöffel Zitronen- oder Orangenschalen, ein Viertel Teelöffel Süßholzwurzel.

“Gart der Gesundheit” heißt die Schau und widmet sich der Botanik im Buchdruck von den Anfängen bis 1800. Zu sehen sind 70 verschiedene Exponate, darunter das Hortus Indicus Malabaricus von Rheede tot Drakestein. Auf dieses Buch waren schon die Missionare der Franckeschen Stiftungen scharf, die vor 300 Jahren in Indien aktiv waren. Überhaupt hat Indien für die umfangreichen Sammlungen der Franckeschen Stiftungen einen großen Anteil gehabt. Fast die Hälfte aller Pflanzenexponate in der Naturalienkammer stammt aus Indien, wie Stiftungsdirektor Thomas Müller-Bahlke erläuterte. Prof. Dr. Irmgard Müller ging in ihrem Festvortrag auf die Entwicklung der Pflanzenforschung in Indien ein. So gab es 1623 bereits 6.000 entdeckte Pflanzenarten. Doch das ist nur ein Bruchteil dessen, was heute bekannt ist: 260.000 Pflanzenarten gibt es auf dem indischen Subkontinent.

Sieben Inkunabeldrucke, wie der für die Ausstellung namensgebende „Gart der Gesundheit“ (1485) und sein lateinisches Pendant, der „Hortus sanitatis“. Doch auch die Schriften der drei Väter der Botanik Otto Brunfels (1488?-1534), Hieronymus Bock (1498-1554) und Leonhart Fuchs (1501-1566) sind zu sehen. Zu den Raritäten der Ausstellung zählen auch Basilius Beslers „Hortus Eystettensis“ (1613), Johann Christoph Volckamers „Nürnberger Hesperiden“ (1708), Johann Hieronymus Kniphofs „Botanica in Originali“ (ab 1757) im Naturselbstdruck oder Elizabeth Blackwells „Curios Herbal“ (1750-57) in der deutschen Bearbeitung.

Die Ausstellung gleicht einer spannenden Zeitreise durch die Botanik, die in wunderschönen Illustrationen erlebbar wird. Haben sich die Kräuterbücher des späten Mittelalters noch an dem Wissen antiker und arabischer Wissenschaftler orientiert und die Beschreibung der Pflanzen eng an mythologische Überlieferungen angebunden, so brachte die zunehmende Vernetzung der Wissenschaftswelt und dem damit einhergehenden stetig anwachsenden Pflanzenmaterial aus Übersee die Botanik als Wissenschaftsdisziplin hervor. Die Entwicklung fand ihren vorläufigen Höhepunkt in der Nomenklatur Carl von Linnés, die er 1735 erstmals veröffentlicht hat. Dafür mussten zunächst die Schwierigkeiten der detailgetreuen Abbildung von Pflanzen überwunden werden, die im Naturselbstdruck ihren vollendeten Ausdruck fand: „Das Papier muss mit Lampenruß, vermischt mit süßem Öl, angestrichen und dann das Blatt der Pflanze mit Bleiweiß in Öl dünn gefärbt werden, wie man es mit den Typen der Druckerpresse macht, und dann wie gewöhnlich drucken, so wird das Blatt in den Vertiefungen dunkel und hell in den Erhöhungen“. Ganz plastisch erscheinen so erstmals die Abbildungen in Johann Hieronymus Kniphofs „Botanica in Originali“, die zwischen 1757-1763 beim Verleger Trampe in Halle erschienen. Das Exemplar der Leopoldina, das in der Ausstellung gezeigt wird, erzählt eine ganz eigene Geschichte des Botanikbuchdrucks: über 50 Jahre lag die Ausgabe als Beutegut aus der Zeit des 2. Weltkrieges in Tiflis und konnte 1996 an die Leopoldina in Halle zurückgegeben werden. Heute zieren zwei Besitzerstempel das Titelblatt der Ausgabe: der Stempel der Deutschen Akademie der Naturforscher und der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften der Grusinischen SSSR. Die einzige in Halle aufbewahrte vollständige Ausgabe findet sich in der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen und macht damit einmal mehr deutlich, wie breit aus wissenschaftlicher Sicht die Sammlung der Schulstadt August Hermann Franckes angelegt war.

Neben der Darstellung der linearen Entwicklung vom Kräuterbuch zur Botanik legt die Ausstellung auch den Fokus auf die Auswirkungen dieser Entwicklung, etwa dem mit der zunehmenden wissenschaftlichen Erforschung der Pflanzenwelt einhergehenden Wandel der Pharmazie, auf den die Leopoldina bei ihrer Gründung im Jahr 1652 in Schweinfurt einen Schwerpunkt legte. Aber auch die symbolische Bedeutung von Pflanzen findet in der Ausstellung gebührenden Raum, wie sie etwa in der emblematischen oder alchemistischen Literatur und der Signaturenlehre des neapolitanischen Arztes und Universalgelehrten Giambattista della Porta (1535-1615) vertreten ist.

Und während sich die Erwachsenen bei den historischen Exponaten umschauen, gibt es für die Kinder eine Mitmachstation. Sie nimmt Bezug auf den “Pflantzgarten” der Franckeschen Stiftungen, dem ersten Schulgarten Deutschlands, eingerichtet 1698.

Die Ausstellung wird gezeigt in Zusammenarbeit mit dem Museum Otto Schäfer in Schweinfurt, dem Stadtarchiv Schweinfurt, der Franckeschen Stiftungen und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Zu sehen ist sie im Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen bis zum 25. März 2012. Eintritt 6 Euro, erm. 4 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei

Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter wissenschaftlicher Katalog im Verlag der Franckeschen Stiftungen: Gart der Gesundheit. Botanik im Buchdruck von den Anfängen bis 1800. Katalog zur Ausstellung im Museum Otto Schäfer in Schweinfurt vom 20. März bis 10. Juli 2011 und in den Franckeschen Stiftungen vom 29. Januar bis 25. März 2012. Hrsg. von Irmgard Müller und Werner Dressendörfer. Halle 2011 (Kataloge der Franckeschen Stiftungen, 26). 208 S., 128 Abb., 19,- €; ISBN 978-3-448-06464-4

Begleitprogramm zur Ausstellung in Halle
22. Februar 2012, 18.00 Uhr
Tulpe und Kartoffel. Der Hortus Eystettensis – Entstehung und Schicksal eines botanischen Prachtwerks
Prof. Dr. Werner Dressendörfer, Bamberg
Historisches Waisenhaus, Amerikazimmer

29. Februar 2012
Führung durch die Ausstellung mit Dr. Britta Klosterberg
Leiterin des Studienzentrums August Hermann Francke der Franckeschen Stiftungen

07. März 2012, 18.00 Uhr
Vom Hortus Medicus August Hermann Franckes zum Umweltbildungsprojekt im Pflanzgarten - 300 Jahre Schulgärten in den Franckeschen Stiftungen

Vortrag von Cornelia Jäger, Dipl. biol., Leiterin des Pflanzgartens und des Umweltbildungsprojekt der Franckeschen Stiftungen

anschließend praktischer Kräuterworkshop mit Simone Buss, Kräutergarten in Niederzimmern


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