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17.07.2016, 23:25 Uhr von Martin Schramme

Jahresausstellung der Burg

Von Kombucha-Leder bis Vorurteil-Zähler

Wer die Jahresausstellung der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle am 16. und 17. Juli 2016 verpasst hat, der hat was verpasst. Die insgesamt 16 Stunden Besichtigungszeit an den zwei Tagen konnte man für die Hochschulstandorte Giebichenstein, Neuwerk, Hermes-Gebäude und Volkspark sowie weitere Ausstellungen, etwa am August-Bebel-Platz, gut gebrauchen.

Ich war am Sonntag auf dem "Campus Design" am Neuwerk 7. Eine gute Entscheidung, wie ich schnell feststellte. Vor allem bei den Industrie- und Spieldesignern fühlte ich mich gut aufgehoben. Eine Tasche aus Kombucha samt Fermentierset, eine Klangmaschine für Jung und Alt und ein Handgelenkzähler zur Vorurteilsanalyse sah ich mir besonders genau an.

 

Es ist früher Nachmittag. Meine Augen wissen gar nicht, wohin sie zuerst wandern sollen: So viele schöne Dinge und Menschen sind zu sehen. Sommer, Jugend, Vielfalt, Internationalität umgeben mich. Die neue, holzverkleidete Mediathek, das alte schlossartige Haupthaus und ein güldener Neubau fügen sich gut aneinander. Der Feuermeldeturm überragt alles. Viele Menschen sind hier unterwegs, nur in der Holzwerkstatt sitzt eine Studentin ziemlich verlassen da und tröstet sich mit ihrem Smartphone. Es liegt wohl an der Randlage des Objekts.

 

Umso mehr Menschen schauen, staunen, blättern und probieren, was die Studierenden in den vielen Räumen aufgestellt haben. Ich blättere zunächst in Abschlussarbeiten und versuche dabei zu beobachten, worauf ich aufmerksam werde und warum. Alles kann ich nicht ansehen, also muss ich wählen. So bleibe ich unter anderem an einer Arbeit über Brot hängen. Sie steigt mit der Feststellung ein, dass das sinkende Interesse für Bäckereien kein Zufall ist und macht dafür nicht, wie sonst üblich, die Konkurrenz der Großmärkte dafür verantwortlich, sondern die fehlende Erlebbarkeit und Inszenierung des Produkts. Zurück zu den Wurzeln ist ein wiederkehrendes Thema der Ausstellung, fällt mir auf.

 

Die meiste Zeit verbringe ich bei den Industriedesignern. Eine Arbeit will Mensch und Produkt enger miteinander verbinden und bietet einen Kopfhörerbaukasten an. Ein Erfolgsgeheimnis von Ikea, die Bindung durch Selbstmachen zu verstärken, wurde hier aufgegriffen. Hendrik Nater hat seinen Stand schräg gegenüber und erklärt gerne seine Flugmaschine. Er nennt es Körpererweiterung. Was ein Personentransporter, bekannter als Segway (nach dem gleichnamigen Hersteller), auf der Erde macht, soll „Protes“ in der Luft machen: Die individuelle Gewichtsverlagerung seiner Nutzer in entsprechende Bewegungen umwandeln.

 

Besonders interessant wird es für mich indes bei Carolin Schulze. Sie beeindruckt mit einer Tasche aus Kombucha. Kombucha ist ein Pilz, der als Gesundheitstrunk bekannt ist. Dass das besondere Gewächs für weitere Wunder zu gebrauchen ist, zeigt die Studentin mit ihrem Starterkit zum Fermentieren. So hat sie Werkzeuge und Ausgangsstoffe für das Fermentieren in eine pergamentartige, gelbliche Tasche aus "veganem Leder", gezüchtet aus Kombucha-Pilz, gepackt. Das Material für die Tasche wuchs in einer Wanne, in der sich der Kombucha-Pilz einige Wochen „austoben“ konnte. Dabei entstand eine gallertartige Masse, die sich durch intensives Trocknen zu einem lederartigen Material entwickelte. Die Industriedesignerin griff dabei auf eine Idee zurück, mit der die Engländerin Suzanne Lee 2010 Schlagzeilen machte. Wasser darf an das "vegane Leder" allerdings nicht kommen, denn das führt zum Quellen und Schimmeln und schließlich zur Zerstörung des Materials. Ob das durch robustere Imprägniermittel geändert werden kann, bleibt ein Forschungsthema. Carolin Schulze will mit ihrer Arbeit an alte Techniken der Lebensmittelherstellung erinnern. "Culinary Hacking stellt einen Gegenentwurf zum kulinarischen Vergessen dar", erklärt sie ihr Projekt. Die Leipzigerin zog schon 2015 neugierige Blicke auf sich, als sie mit einer revolutionären Idee den Bundes-Ecodesign-Preis abräumte. Die Jury beschrieb ihre Idee damals so: "Carolin Schulze produziert aus Insekten eine formbare Masse, die über einen 3D Food-Drucker zu bekannten Nahrungsmittelformen verarbeitet wird und die Insekten in einen neuen 'Aggregatzustand' befördert. Insekten zu Nahrung zu verarbeiten kann bekanntermaßen in Zukunft Welternährungsprobleme lösen – deshalb kann diese progressive Arbeit als äußerst zeitgemäß und zukunftsweisend gelten.“

 

Auch Hannes Weissig hat interdisziplinär gearbeitet. Er studiert Industriedesign, ist mit seiner Arbeit aber tief in die Psychoanalyse eingestiegen. Sein Thema heißt: Die Mechanik des Entscheidens. Er lädt die Besucher dazu ein, ihre Denk- und Entscheidungsmechanismen zu trainieren und ihr Unterbewusstsein ins Bewusstsein zu holen. Es geht darum, Vorurteile zu bemerken, sich ihrer bewusst zu werden und ihre Herkunft zu ergründen. Dazu soll man Papierstreifen wie eine Uhr tragen und darauf immer dann einen Strich machen, wenn man eine Entscheidung aufgrund eines Vorurteils getroffen hat. „Zu Beginn füllt sich der Streifen nur sehr langsam. Doch Tag für Tag wird einem bewusster, dass unsere Vorurteile allgegenwärtig sind. Sie werden mit der Zeit auch immer allgemeiner und grundlegender. Man hat bei den ersten Beobachtungen eher sehr spezielle genannt wie zum Beispiel: Vorurteile gegenüber Ausländern, Einwanderern, Rechts- und Linksradikalen. Später entdeckt man auch tief sitzende Vorurteile gegenüber Rauchern, Kaffeetrinkern, Lkw-Fahrern, Hundebesitzern und vielleicht auch gegenüber allen Menschen über 80 Jahren und so weiter.“ Weissig hofft, mit seiner Idee bei Siemens in Japan landen zu können. Er war bereits im Land der aufgehenden Sonne.

 

Die Spieldesigner haben Türme errichtet, eine aufwändige Technikzerstörungsapparatur, einen Popofotoautomat und eine mechanische Klangapparatur. Am Klangapparat probiere ich mich wie viele andere Kinder und Erwachsene. Über eine Kurbelwelle wird eine Percussion geschlagen, über Tasten wird indirekt ein Xylophon gespielt, aus gebogenen Röhren von unterschiedlicher Länge lassen sich verschiedene Töne trommeln, das Treten auf einen Blasebalg erzeugt urige Geräusche. Kaum einer kommt an dem Gerät vorbei, ohne dem Spieltrieb zu verfallen. Dort steht kein Wunderwerk, aber ein Urbedürfnis wird befriedigt. Eine alte Dame ist unter den spielenden und sagt juchzend: „Auch Alte können spielen.“

 

Ich habe längst nicht alles gesehen, doch gehe ich zufrieden und beglückt nach Hause.

 

Starterkit zum Fermentieren von Carolin Schulze

http://freyhaendig.de/beschreibung%20culinary%20hacking.html

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