Autokrise trifft auch Sachsen-Anhalt

Studie | Arbeitswelt - Sonstiges
von hallelife.de | Redaktion

Anteilig weniger Beschäftigte in der Autoindustrie als in anderen Ländern +++ Übergang zur Elektromobilität könnte Sachsen-Anhalt sogar stärker treffen +++ Im Strukturwandelprozess entstehen aber auch neue Jobs +++

 
Auch in Sachsen-Anhalt gehört die Automobilwirtschaft zu den wichtigen Industriezweigen. Zwar ist der Anteil der direkt in der Automobilwirtschaft beschäftigten mit 0,5 Prozent an allen Beschäftigten deutlich unter dem deutschen Durchschnitt von fast 3 Prozent. Zu den 4.200 direkt in der Autoindustrie in Sachsen-Anhalt verorteten Arbeitsplätzen kommen aber noch Arbeitsplätze aus Branchen, die zum Teil Produkte für die Autoindustrie zuliefern und damit von deren Entwicklung betroffen sind. In diesen Wirtschaftszweigen - z. B. der Chemie oder der Metallverarbeitung -, die auch für andere Bereiche produzieren, sind insgesamt 21.000 Beschäftigte tätig. Das zeigt eine neue Studie, die der Wissenschaftler Per Kropp vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) gemeinsam mit Markus Behrens, Geschäftsführer der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen, und Jürgen Ude, Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung, heute in Halle vorgestellt haben. Regional gesehen ist im Salzlandkreis der Anteil der direkt in der Automobilindustrie verorteten Arbeitsplätzen an allen Arbeitsplätzen mit 2 Prozent landesweit am höchsten.
 
„Absatzkrise trifft auch Sachsen-Anhalt“
 
„Das heißt, dass die weltweite Absatzkrise der Automobilindustrie das Land Sachsen-Anhalt ebenfalls trifft. Zum einen haben wir die besondere Bedeutung der Zulieferbranchen, zum anderen arbeiten viele Menschen aus Sachsen-Anhalt in der Automobilindustrie in anderen Bundesländer.“, erklärte Per Kropp, der Autor der Studie. Zwei Drittel aller insgesamt 11.500 Beschäftigten in der Automobilbranche pendeln für ihre Arbeit in ein anderes Bundesland, vor allem nach Niedersachsen (über 40 % aller Beschäftigen in der Branche), aber auch nach Sachsen (20 %).
 
Beschäftigte in der Autoindustrie in Sachsen-Anhalt verdienen nur die Hälfte des Bundesschnitts
 
Ein weiteres Ergebnis der Studie: Wer in Sachsen-Anhalt in der Automobilindustrie arbeitet erzielt nur die Hälfte der Entgelte, die in diesem Wirtschaftszweig im Bundesschnitt verdient werden. Während der Median des Bruttomonatsentgelts in der Automobilindustrie deutschlandweit bei 5.041 Euro liegt, verdienen die Beschäftigten in Sachsen-Anhalt im Schnitt nur 2.558 Euro. „Anders als in westdeutschen Bundesländern arbeiten die Beschäftigten der Automobilindustrie in Sachsen-Anhalt in kleinen- und mittelständischen Unternehmen, die vor allem zuliefern. In Sachsen-Anhalt gibt es keine Konzernzentralen und Hauptproduktionsstandorte, in denen oft höhere Gehälter gezahlt werden“, erklärte Markus Behrens, Geschäftsführer der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen.
 
Übergang zur Elektromobilität könnte Automobilindustrie in Sachsen-Anhalt stärker treffen als andere Bundesländer
 
Der Übergang zur Elektromobilität könnte die Automobilindustrie in Sachsen-Anhalt stärker treffen als andere Bundesländer. „Das liegt daran, dass für Elektrofahrzeuge einfach weniger Teile gebraucht werden. Diese Teile werden aber vor allem von Zulieferern gefertigt, die den großen Teil der Automobilindustrie in Sachsen-Anhalt ausmachen. Fakt ist: Etwa jeder vierte Beschäftigte in der Automobil- und Zulieferindustrie in Sachsen-Anhalt arbeitet in einem Bereich, in dem die Risiken die Chancen überwiegen. Es sind also für den Übergang zur E-Mobilität definitiv Strukturanpassungen nötig“, erklärte Per Kropp. Markus Behrens ergänzte: „Im Wandlungsprozess werden aber neue Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen, die es zu nutzen gilt. Ostdeutschland hat als Standort von Batteriefertigung und Produktionsort moderner E-Mobile hierfür gute Voraussetzungen. Wichtig ist hierbei insbesondere die Unterstützung kleiner- und mittelständiger Unternehmen beim Kompetenzerwerb für neue Technologien und durch Qualifizierung der Mitarbeiter.“
 
Zukunftstechnologien für Sachsen-Anhalt
 
Für Sachsen-Anhalt sieht Staatssekretär Jürgen Ude trotz der Herausforderungen, die der Wandel in der Automobilindustrie mit sich bringt, ebenfalls große Entwicklungschancen, die das Land nutzen sollte. „Sachsen-Anhalt entwickelt sich bereits zu einem Land der Zukunftstechnologien, das belegen unter anderem die Ansiedlungs- und Investitionsentscheidungen, die insbesondere in den vergangenen vier Jahren getroffen wurden: Der Batteriehersteller Farasis errichtet für mehr als 600 Millionen Euro ein neues Werk mit 600 Arbeitsplätzen in Bitterfeld-Wolfen, Porsche baut mit Schuler ein hoch modernes Werk in Halle und der japanische Batterie- und Brennstoffzellenspezialist Horiba erweitert für 30 Millionen Euro seinen Standort Magdeburg-Barleben. Neben 250 neuen, hochwertigen Arbeitsplätzen wird dort in Kooperationen mit mehreren Partnern ein ‚E-Mobility-Campus‘ entstehen“, erläuterte Ude. Mit Blick auf die etablierten Unternehmen der Branche erklärte er: „Ziel des Wirtschaftsministeriums wird es in den kommenden Jahren sein, unsere Unternehmen über die Forschungs- und Investitionsförderung des Landes dabei zu unterstützen, sich den künftigen Marktbedingungen mit innovativen Produkten anzupassen und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Gerade im Zuge der Corona-Krise, die für die Branche mit zusätzlichen Belastungen einhergeht, wird das Wirtschaftsministerium sein Engagement noch einmal verstärken. Es kommt aber auch auf die Unternehmen selbst an: Nur wer rechtzeitig auf die Markttrends reagiert, in Forschung und Entwicklung investiert, wird dauerhaft wettbewerbsfähig bleiben und kann Arbeitsplätze erhalten.“ Für die Unternehmen wichtig seien in diesem Zusammenhang auch Kooperationen. „Ich kann immer wieder nur dafür werben, gemeinsam mit den Hochschulen und Forschungseinrichtungen des Landes Innovationen voranzutreiben. In Zusammenarbeit mit dem Zulieferer-Netzwerk MAHREG Automotive stärken wir seit Jahren die Zukunftsfähigkeit der Branche und bringen insbesondere unsere mittelständischen Unternehmen mit der heimischen Forschungslandschaft zusammen“, so Ude. Ferner habe sich die Wissenschaftslandschaft Sachsen-Anhalts in den vergangenen Jahren zu einem Trumpf im Wettbewerb um Unternehmensansiedlungen und hochwertige Arbeitsplätze entwickelt: „Manche Entscheidung zugunsten Sachsen-Anhalts ist auch gefallen, weil die Unternehmen um die Expertise an unseren Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen wissen. Sie haben bei uns Zugriff auf Fachkräfte und können Forschungskooperationen eingehen.“
 
 

Studientitel:

Per Kropp, Cornelia Leclerque, Birgit Fritzsche „Die Beschäftigungsstruktur in der Automobilbranche Sachsen-Anhalts“

 

Download der Studie

https://www.iab.de/1108/section.aspx/Jahrgang/2020

 

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