Wunsch, die rote Laterne abzugeben

Dieses Element verwendet noch das alte Contao 2 SRC-Format. Haben Sie die Datenbank aktualisiert?

Jugendarbeit in Halle (Saale) | Aktuelles

Offene Jugendarbeit in Halle (Saale) – Gala im Januar 2016

Zu wenig Geld, zu wenig Sicherheit, zu viel Bürokratie – die Sorgenliste der Jugendsozialarbeiter in Halle ist lang und einmal mehr wird zum Jahreswechsel um jede Stelle und jeden Euro gerungen in der offenen Kinder- und Jugendarbeit. 

Wunsch, die rote Laterne abzugeben

Nach dem Wegfall von Bundesmitteln, auf denen sich die Stadt drei Jahre ausgeruht hat, und Streit zwischen Stadtverwaltung und Stadtrat um den Einsatz von Mitteln, die Forderung nach zehn Prozent Eigenmitteln und neuen Konzepten reagierten die Betroffenen mit einem Offenen Brief und mit Protest in der Bürgerfragestunde des Dezember-Stadtrats. Trotz eines Nachschlags von 250.000 Euro für den Haushaltsposten „Jugendarbeit“ fehlen im nächsten Jahr offenbar 225.000 Euro. Aus Sicht der Stadtverwaltungsspitze sind die Ergebnisse der bisherigen Arbeit nicht zufriedenstellend. Die Effizienzfrage steht im Raum. Die freien Träger sehen das anders. Damit die Entscheider endlich verstehen, was in der Jugendarbeit geleistet wird, wollen die offenen Freizeiteinrichtungen auf einer „Gala der Jugendarbeit“ am 23. Januar 2016 ihre Arbeitsergebnisse vorführen und zeigen, wie sich gefährdete Kinder und Jugendliche positiv entwickeln können.

 

Beim Haushaltsposten Jugendarbeit hat Halle im Städtevergleich der Con_sens-Studie die rote Laterne, klagen Fachkräfte der offenen Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen. Mit einem statistischen Durchschnitt von 33 Euro pro Kind (Zahl von 2013 pro Einwohner unter 21 Jahren) sei die Händelstadt gemäß der Studie so weit abgeschlagen, dass schon die vorletzte Stadt im Ranking mehr als doppelt so viel ausgebe. Der Mittelwert der Vergleichsstädte liege bei 114 Euro. Dabei hätte es gerade Halle bitter nötig angesichts des hohen Anteils an Kindern, die in Bedarfsgemeinschaften (Hartz IV) leben, der sich im Brennpunkt-Stadtteil Silberhöhe inzwischen bei 70 Prozent bewegt. In Neustadt und Heide-Nord sieht es nicht viel besser aus. Seit 15. Dezember 2015 kursiert ein Offener Brief der Freien Träger der Kinder- und Jugendhilfe der Stadt Halle (Saale), der die Sorgen der Menschen zeigt, die nach 25 Jahren Sozialabbau, Verwahrlosung und Verrohung wenigstens die schlimmsten Folgen des kapitalistischen Systems verhindern wollen: Zustände, wie sie in anderen europäischen Metropolen wie Brüssel und Paris bereits herrschen. Nach Bankenkrise, Eurokrise und Flüchtlingskrise ist der Kampf nicht leichter geworden. Im Gegenteil. Wer sich aus der Deckung wagt, wird abgeschossen.

 

Rothe: Mit weniger Bürokratie wäre mehr Hilfe möglich

 

Nancy Wirth und Wolf Rothe, beide mit langjähriger Erfahrung in der Jugendarbeit, sie als Leiterin des Kinder- und Jugendhauses „Blauer Elefant“ am Anhalter Platz (Silberhöhe) und er als Leiter des Waldorf-Jugendtreffs „Wajut“ an der Lauchstädter Straße (südliche Innenstadt, Lutherviertel), sind unglücklich und traurig, wenn sie an die Situation bei der Förderung der Jugendarbeit denken. Sie wollen und sollen im Namen aller Jugendarbeiter in Halle sprechen. Seit dem Jahr 2000 hat die Stadtverwaltung Halle (Saale) die komplette Kinder- und Jugendhilfe schrittweise an freie Träger abgegeben. Das ist schön bequem. Jetzt kümmern sich andere darum, dass es in Halle „ruhig“ bleibt und man kann sie nach Belieben ein- und ausschalten ohne die Restriktionen des Öffentlichen Dienstes. „Wir machen seit 17 Jahren dieselbe Arbeit, müssen aber jedes Jahr einen neuen Antrag schreiben. Die wollen jedes Jahr ein neues Konzept“, ist Rothe unzufrieden. Zu jedem Jahreswechsel werde das Bestehende hinterfragt. „Ich könnte doppelt so vielen Kindern helfen, wenn ich nicht ständig neue Papiere ausfüllen müsste.“ Zur Bürokratie kommen Probleme mit der Personalstruktur. Ganze Stellen in halbe zu zerhackten, das geht gar nicht, findet Rothe, aber genau das wird gemacht. „Das, was wir machen, ist eine Aufgabe des Staates“, erklärt Wirth den Ärger bei den freien Trägern.

 

Ärger über Bremswirkung von Oberbürgermeister Wiegand

 

Oberbürgermeister Bernd Wiegand und Halles neue Sozialdezernentin Katharina Brederlow erklären, dass ein Präventionskonzept gebraucht wird. In den Ohren der Aktiven an der „Front“ klingt das wie blanker Hohn. „Wir machen seit Jahren Präventionsarbeit.“ Rothe möchte Wiegand darin bestärken, in präventive Arbeit zu investieren. „Wir müssen die Kinder erreichen, die abzustürzen drohen. Wir sind der Deckel auf dem Topf, das Ventil.“ Von Verhältnissen wie in Paris sei Halle nicht mehr weit entfernt. Orientierungslose Jugendliche lernten in der offenen Jugendarbeit viele praktische Dinge für Schule, Familienleben und Beruf und fänden so zurück auf ihren Weg. „Ich werde um diese Stelle kämpfen.“ Wirth sagt, dass sie für alle Jugendliche da sind, nicht nur für die, die dringend Hilfe brauchen. Von dieser Mischung der sozialen Umfelder profitieren die Jugendlichen voneinander. „Das ist ein außerschulischer Lernort.“ Rothe betont: „Was die hier lernen, lernen sie freiwillig.“ Mit Blick auf den aktuellen Verteilungskampf appelliert er, dass man alle mitnehmen muss und jetzt angesichts der großen Zahl an Flüchtlingen nicht die vergessen darf, die schon vorher Hilfe brauchten.

 

Wachsende Probleme mit Nachwuchs in Halle (Saale)

 

Die Arbeit ist schwieriger geworden, die Zahl der komplizierten Jugendlichen gestiegen. Rothe hat drei Monate in Hamburg-Altona ein Praktikum absolviert und dachte, bei dem was er da erlebt hat: Schlimmer geht es nicht. In Halle erlebt er inzwischen, dass er sich offenbar geirrt hat. 70 Prozent der Kinder auf der Silberhöhe leben in Bedarfsgemeinschaften, fast 40 Prozent sind es stadtweit. Zu Rothe kommen ahnungslose Kinder, die nicht wissen, wozu sie da sind, fern von Verständnis leben, im Gegeneinander und in einem Milieu von Hass und extremer Ablehnung dieses Staates. Der Mangel an Liebe und Integration ist sichtbar. „Du willst denen was Gutes geben, aber die quatschen rein und machen alles kaputt.“ Wer in Halle mit offenen Augen unterwegs ist, der sieht, dass er auf dem Weg von Nord nach Süd von einer Welt in eine andere gelangt, von der sozial integrierten und gut ausgestatteten zur sozial benachteiligten. Für nicht wenige Menschen ist die Hochstraße eine Grenze zwischen den einen und den anderen.

 

Wirth: Frage nach Effizienz in der Jugendarbeit schwierig

 

„Die Stadt will wissen, was wir da machen“, so Wirth. Das könne man anhand vieler Fälle erklären. Wenn der Kämmerer jedoch nach der Effizienz fragt, dann wird es schwierig. Trotz aller Bemühungen hat sich die Lage ja immer weiter verschärft. Doch für die Leute an der Basis ist klar, woran das liegt: Sie können die Schäden dieser Gesellschaft nicht in dem Umfang reparieren, wie sie entstehen, aber immerhin ist es bisher gelungen, dass die Situation nicht aus dem Ruder läuft. 2014 sind in den „Blauen Elefant“ jeden Tag im Schnitt 47 Kinder gekommen und haben viel gelernt. Die Jugendlichen müssen nichts mitbringen, sich aber an Regeln halten. Schon den 1990er Jahren sei die Jugendarbeit auf der Silberhöhe extrem wichtig gewesen. „Da brach alles zusammen.“ Auf Massenentlassungen, folgten gesellschaftliche Entwurzelung, Absturz, Frust, Hass, Gewalt und Drogen.

 

Kritische Anmerkungen im Stadtrat am 16. Dezember 2015

 

Am 16. Dezember 2015 haben Nancy Wirth, Wolf Rothe, Sabine Eberhardt und Kerstin Köferstein das Thema im Stadtrat angesprochen. Der Rat war wegen der Feiertage eher als sonst zusammengekommen und hatte die Verabschiedung des Haushaltsplanes 2016 auf der Tagesordnung. Eberhardt beklagte, dass Beschlüsse des Stadtrates seit Monaten nicht umgesetzt werden. Wirth und Rothe trugen vor, was sie später auch gegenüber Hallelife sagten. Es geht um die Treffs- und Clubs der offenen Kinder- und Jugendarbeit (in Klammern der jeweilige Träger): Wasserturm (Caritas), Treff in der Geiststraße und Schnitten (CVJM), Kinder- und Jugendhaus „Blauer Elefant“ (Kinderschutzbund), Schöpfkelle (SKV Kita), Kinder- und Jugendhaus (gleichnamiger Verein), TIQ – Treff im Quartier (Bauhof), Wajut – Waldorf Jugendtreff (Waldorf-Verein), Bürgerhaus Alternative (Humanistischer Regionalverband), Roxy (Internationaler Bund), Dornröschen (AWO), Happy Heide-Nord (Villa Jühling), Sportcontainer Heide-Nord (Sportjugend). Für diese 13 Träger standen im Jahr 2015 nur 12,7 Personalstellen zur Verfügung. Im Oktober 2015 war das Thema Jugendhilfeplan 2016 bis 2019 eigentlich schon durch, doch dann kam der Widerspruch des OB.

 

Offener Brief der freien Träger

 

Im Offenen Brief schrieben die freien Träger unter anderem: „Durch den Wegfall der Bildungs- und Teilhabemittel (BuT) stehen viele Angebote vor dem Aus oder sind bereits davon betroffen. Durch die BuT-Mittel wurde der Haushalt der Stadt seit dem Jahr 2012 durch zirka 1,5 Millionen Euro jährlich entlastet. Nun, da diese Mittel wegfallen, wurden von Seiten der Stadt Halle nicht genügend Mittel in den Haushalt für die Kinder- und Jugendhilfe eingestellt. Dieses Versäumnis stellt die Jugendhilfe und in Folge dessen die Freien Träger nun zum Teil vor existentielle Fragen. Einige Einrichtungen sind von der Schließung bedroht. Bereits jetzt sind gravierende Einschnitte in den Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe wahrzunehmen.“ Nach aktuellem Stand stehen im Jahr 2016 rund 2,76 Millionen Euro für die Jugendarbeit zur Verfügung, teilte Uwe Kramer, Vorsitzender des Jugendhilfe-Ausschusses und des Stadtjugendringes dieser Tage in einem Rundschreiben mit. Weiter hieß es darin, dass das 225.000 Euro weniger seien als 2015. Was konkret mit dem Geld passiert, das der Stadtrat auf die Haushaltsvorlage der Stadtverwaltung draufgelegt hat, insgesamt 250.000 Euro, wird am Dienstag, 22. Dezember 2015, ab 18 Uhr, in einer Sondersitzung des Jugendhilfeausschusses beraten. Kopfzerbrechen bereitet den Trägern auch, dass sie bei jeder Förderung einen Eigenanteil von zehn Prozent beisteuern sollen. Für einige könnte es das Aus bedeuten. Zwar ist der Eigenanteil bundesgesetzlich so festgelegt, das betonte nun auch Brederlow, doch zum Problem ist die Zehn-Prozent-Hürde erst durch den Widerspruch von OB Wiegand geworden, der nun zur Entscheidung beim Landesverwaltungsamt liegt. Zuvor hatte die Stadt die Finanzlücke im Jugendhilfeplan geschlossen. Halles Haushalt ist jedoch nicht nur wegen der Sparvorhaben des OB massiv unter Druck. So waren zuletzt über fünf Millionen Euro mehr als geplant für die Flüchtlingshilfe nötig, ein Posten der den Rat ohne Diskussion passierte.

 

Erste Gala der Jugendarbeit

 

Auf der „ersten Gala der Jugendarbeit“ wollen Kinder und Jugendliche der Jugendclubs am 23. Januar 2016 im Waldorf Jugendtreff in Halle (Lauchstädter Straße 24) einmal zeigen, was Jugendarbeit leistet. Die Einladenden versprechen nicht zuletzt Geldgebern und Sponsoren einen „eleganten Abend mit einem atemberaubenden Programm“. Angekündigt sind Tanzshows, Livemusik, Theateraufführungen und Kabarett. Für leckeres Essen und Getränke will das Schülerkochprojekt „Art to Cook“ (Kunst zu kochen) sorgen. In der Einladung heißt es: „Genießen Sie das Potenzial der Kinder und Jugendlichen, kommen Sie mit der Zukunft der Stadt ins Gespräch und zelebrieren Sie einen Abend, wie es ihn noch nicht gegeben hat. Erleben Sie hier, was durch Ihre Hilfe in täglicher Arbeit erst möglich wird.“

 

Stadtjugendring Halle im Internet

http://www.sjr-halle.de/

 

Seite von con_sens (Consulting für Steuerung und soziale Entwicklung GmbH)

https://www.consens-info.de

Beitrag Teilen

Zurück