Von Pömmelte nach Stendal

Reportage | Michas Welt - Reportagen
von Michael Waldow

Wenn man in den Urlaub fährt, sollte man gut vorbereitet sein. Eine Unterkunft wäre nicht schlecht, vielleicht auch eine Art Überlegung, was man machen will. Worauf man nicht vorbereitet ist, ist eine Motorlampe, die im Cockpit beständig blinkt.

Also runter von der Autobahn, zur nächstliegenden Werkstatt mit schnuckliger Bedienung, einem Café Latte und einer Stunde Wartezeit. Ein netter Automechaniker, mit einem sanften Lächeln auf den Lippen, teilt dann mit, dass das Auto einen Schaden hat, der von ein paar hundert Euro bis zu 5000 Euro Reparatur gehen kann. Das treibt einem schon die Tränen in die Augen, weil das Auto seine „greisenhaften“ 8 Jahre hinter sich hat, wir unseren Urlaub noch vor uns. Also parken wir den altersschwachen Wagen bei uns zu Hause (er fährt noch in der Stadt), packen unsere Sachen in das Zweitauto, zwängen uns in das kleinere Teil und begeben uns auf die Autobahn. Zwar werden wir von allen überholt, freuen uns aber, wenn wir an den LKWs vorbeiziehen. Unsere Autofahrerwürde ist gerettet, der Urlaub auch. Wenigstens haben wir ein Gesprächsthema auf der Fahrt. Das dreht sich dann um das neue Auto, das langsam in unserem Kopf noch unbestimmte Formen annimmt.

In Pömmelte, dem berühmten Ringkreis, begeben wir uns in die autolose Zeit vor 4000-2000 v. Chr. Ob die Menschen es besser ohne Auto hatten, darf bezweifelt werden. Schließlich bestand der Tag aus sehr harter Arbeit, etwa dem mühevollen Mahlen von Mehl mittels Hand und schweren Steinen. Das Ringheiligtum, größer als Stonehenge und fast noch beeindruckender, ist eine Analogie zur Welt, eine Metapher förmlich und eine Kultstätte zur damaligen Zeit. Freilich einer Zeit, wo Opferungen an der Tagesordnung waren, um die Götter zu besänftigen, die das Unerklärliche verständlich machten. Und hey, ich opferte heute mein Auto und steh damit diesen Menschen noch näher als heute am Morgen bei der Abfahrt.

Ich spüre die Erhabenheit des Heiligtums und sehe die Langhäuser förmlich vor mir, in denen die Menschen miteinander lebten, arbeiteten, lachten, liebten. Selbst die Tiere waren mit ihnen unter einem Dach untergebracht. Damit meine ich nicht nur einen einsamen Hund oder eine Katze, geschweige denn einen Wellensittich, der damals gänzlich unbekannt war. Undenkbar in heutigen Zeiten, wo schon ein paar Pferde inmitten eines Dorfes zu Gerichtsprozessen führen. Die Zeiten ändern sich, die Menschen leider auch. Sie werden individueller und umgeben sich mit einer Privatsphäre aus Mauern, schön angeordneten Gärten und Ruhe, wo selbst jede Fliege oder jeder Vogel stört.

Nun ja, noch bin ich in vergangener Zeit und lasse meine Fantasie schweifen. Die ganze Anlage ist beeindruckend, hat einen Besucherturm. Ein Besucherzentrum ist am Entstehen. Hier haben Archäologen ganze Arbeit geleistet und das Ganze ist (noch) kostenlos. Trotzdem hätte man etwas Eintrittsgeld verlangen können, schließlich habe ich ein bisschen Geld frei, weil ich etwas Benzingeld spare, womit meine Gedanken schon wieder beim kaputten Auto sind. Wir ein paar Kilometer später im Salzlandmuseum in Schönebeck.

Der Markt steht vor dem Museum voll mit Buden und wir haben zunächst Hunger. Ein in die Ecke gedrängter Asia - Imbiss lacht uns an. Ein fröhlich aufgelegter Asianudelzubereitungsmensch ebenfalls. Das nenne ich nun mal herzlich! Na ja, wir sind auch die Einzigen, die sich vor seinem Tresen drängen. Zwei Berge Essen und zwei Mangosaft für schlappe 9,10 € verführen sogar meine Frau dazu dem fröhlichen Mann einen glatten 10 € Schein zu geben. Ein Novum und das trotz kaputtem Auto!

 

Da ich schnell esse, habe ich Zeit, im Handy nach geeigneten Autos zu suchen. Mir fällt ein Dacia auf, der ohne Statussymbol, den ich in der Werbung immer toll fand. Die Form ist klasse für mich. Also mache ich schon mal einen Termin, einen von vielen in der Folgezeit.

Wir sind im Salzlandmuseum und uns erwartet natürlich Salz. Auch hier gab es Pfänner und Salzarbeiter und auch das Salz wurde aus Sole gewonnen. Nun für uns, die wir in einem Verein namens „Salzstadtclan“ sind, ist das nichts Neues. Neu hingegen ist die Solegewinnung, die unterirdisch durch Auswaschung der Salzstöcke geschah. In Halle gab es die vier Solebrunnen, da war das etwas einfacher. Hingegen die Gewinnung des Salzes aus der Sole, geschah bei unerträglicher Hitze (ca. 82 °C aufgekochter Sole), Rauch, der in der Hütte ohne Schornstein zog (in Halle bescherte das die berühmte Schlackwurst) und 12 – 14 Stunden Arbeit. Dann lieber doch kaputtes Auto, was mit „leichter“ verdientem Geld zu beheben ist.

Es gibt im Museum auch einige Dinge über die Schifffahrt zu sehen, liegt doch Schöneck an der Elbe und hatte einen Salzhafen. Meine Frau übt sich im Flaggenalphabet, gibt mir entsprechende Zeichen. Ich lese aber nur kaputtes Auto und wende mich den weiteren Objekten zu. Schlussendlich schauen wir uns noch Filme über die Entstehung und die Ausgrabung an, sowie Nachbildung des Heiligtums, was mich von bösen Gedanken befreit, aber auch eine Art Müdigkeit über mich kommen lässt. Das liegt definitiv nicht an den Filmen, sondern an der Tageszeit, wo eigentlich Mittagsschlaf angesagt ist. Schließlich habe ich auch ein leicht greisenhaftes Alter, wo allerdings noch keine Motorlampe blinkt.

Ich informiere die Museumskassiererin noch über meine Tätigkeit im Salzstadtclan, was sie interessiert, wie der letzte Autoverkauf.

Endlich haben wir das Hotel in Stendal erreicht, ein relativ schmuckloser, aber sauber und gut im Straßenzug gelegener Bau mit drei Sternen. Auch hier empfing uns eine sehr freundliche junge Frau und viele Bonbons, die der Reihe nach in meiner Tasche verschwanden. Unser Zimmer war Parterre gelegen, geräumig und führte über eine Terrasse sofort zu unserem Auto. Wir sparten durch Umparken noch ein paar Meter (etwa fünf Meter), packten unsere Sachen aus, holten noch ein paar Bonbons und fuhren gleich darauf weiter zum nächsten Markt, um für das Abendbrot etwas zu kaufen. Fahren war nicht der rechte Ausdruck, bevor ich mich anschnalle, sind wir eigentlich da. Zu Fuß wäre es genauso schnell.

Der Abend kann kommen und er kommt. Gemütlich bei Brötchen und großem Fernsehbild widme ich mich der Suche nach einem neuen Auto. So schwatze ich mit der besten Freundin und ihrem Lebenspartner per WhatsApp. Bei der Bemerkung der „Dacia Duster“ könnte mein nächstes Auto werden, legt meine beste Freundin ihren Kampfanzug an und eröffnet mir eine düstere Autozukunft mit dem „Schrottauto“. Ihr Partner hingegen legt eine Weicheimiene auf und geht sanfter vor. Mit unendlicher Geduld bietet er mir seine Autokaufhilfe an, versucht mich davon zu überzeugen, dass der Dacia ein Altteilegefährt ist (aus Renault - Teilen) und gibt mir Hinweise aus seinem Autowissen. Schließlich greift er zum letzten Mittel und präsentiert mir durch einen Internetlink einen Opel, wo ich sogleich einen weiteren Termin per E-Mail anfordere. Meine beste Freundin hat schon lange vor sich hin fauchend aufgegeben und resigniert. Ihre Bemerkungen werden kürzer und „ich soll machen“. Ich muss also mit meinen Bemerkungen vorsichtiger sein. Ihre „Drohung“ sich nicht in ein oranges Auto zu setzen, ist schließlich ernst zu nehmen. Versöhnlich geht aber das Ganze aus, hatte ich ja die Hilfe ihres Partners dankend angenommen. So ein kaputtes Auto kann sich also durch den ganzen Tag und den Freundeskreis ziehen. Welch ein Abenteuer!

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