Von Hamburg nach Santiago de Compostela - Eine Kreuzfahrt / Tag 3 - Stonehenge

Reisebericht | Michas Welt - Reportagen
von Michael Waldow

Ich freue mich tierisch auf eine Reise 5000 Jahre zurück. Doch zuerst heißt es frühstücken. Angesagt ist eine strenge Eierdiät.

Ich verzichte auf alles fettige, das so prachtvoll in langen Reihen angerichtet ist und so köstlich die Nase kitzelt. Es gibt heute nur Spiegelei, Tückerei (wie meine Mutter ein gekochtes Ei liebevoll nannte) und Rührei. Mit Salz, Pfeffer geben ich dem ganzen Geschmack und Individualität. Dazu kommen noch Früchte, Milch, ein Pineappledrink (Ananassaft), ein wenig Brot, Brötchen und Magarine. Mein Magen fühlt sich verarscht, ich bin zufrieden und sowieso ein „Eierkind“. Schon bald darauf sitzen wir im Bus und die Zeitreise kann beginnen. Es dauert noch eine Weile, vorher dürfen wir in einer Rundfahrt den riesigen Containerhafen von Southampton bewundern und lernen viel über Logistik, Container, Kräne und der wunderbaren Welt von Hafenumschlagplätzen kennen. Ich gebe zu, es ist interessant, aber mir steht der Sinn nach Geschichte, Druiden, mystischen Plätzen und anderen fantastischen Welten, die tausende Jahre zurückliegen.

Vorher machen wir eine Durchfahrt durch „New Forest“, ein Gebiet wo heute Ponys und andere Tiere frei herumlaufen können. Unsere deutschsprachige Reiseleiterin ist voller Entzücken, uns diese Durchfahrt anbieten zu können. Sie kann sich gar nicht einkriegen beim Gedanken an eine Begegnung mit diesen „sagenhaften“ Tieren, die es scheinbar nur auf diesem Fleckchen Erde gibt. Sie erzählt auch, dass es schwierig sein wird, Schafe zu sehen, weil sie hier im Forest sehr selten sind. Das Ganze macht sie uns gerade in dem Moment glaubhaft an einer Herde von ca. 15 Schafen vorbeifahren. Man haben wir ein Glück mehr seltene Tiere gesehen zu haben als Ponys. Selbst auf der Rückfahrt ist sie stolz, uns mit 50km/h durch dieses sensationelle Gebiet geführt zu haben. Ohne Bus, wäre das schon richtig gewesen, hat doch gerade dieser Wald seine Ursprünge im 13. Jahrhundert, woher auch der Name „New Forest“ kommt. Alter kann so relativ sein.

Im Bus sitzen vor und hinter uns hoffnungsvolle Gäste, die wie die Teufel alles fotografieren, was sich der Linse durch die Busfensterscheiben bietet. Einer will die kleinen niedlichen typisch englischen Häuser fotografieren, erwischt aber stets nur vorbeirauschende Büsche. Entnervt gibt er auf. Ein anderer, mit sehr teurem Apparat vor mir, hat scheinbar einen Faible für Baugerüste, fotografiert er neben Telefonmasten zum wiederholten Male eine Baustelle, die plötzlich auftaucht. Sein Fotoalbum möcht ich mal sehen, wenn er sie in einer Pause auf der Baustelle seinen Kollegen zeigt. Aber so habe ich auch mal angefangen, nur ohne Büsche und Baustellen.

Endlich, endlich, endlich sind wir da, nicht ohne eine langwierige Einweisung von unserer Reiseleiterin zu bekommen, die übrigens vor 30 Jahren von Duisburg nach England eingeheiratet hat. Wir sind am Informationszentrum „Stonehenge“ und ich bin gespannt auf die riesigen Steine, von denen ich so viel gehört habe. Ich erzähle der Reiseleiterin, dass ich mal als Druide auftrat und Baumlesen zum Gaudi der Zuschauer machte, aber ebenso gut hätte ich auch von Kohlrübensuppe im Winter 45 erzählen können. Das Interesse hält sich in Grenzen, nicht so die Sonne, die auf uns niederbrennt, während wir auf den Shuttlebus warten. Bis zum begehrten Objekt der Begierde sind es gut 2,5km und wir haben nur wenig Zeit um die Strecke hin und zurück zu laufen. Außerdem sind wir im Urlaub und im Kopf nur 5000 Jahre zurück. Diese Zeitreise auch körperlich zu erfahren, steht nicht auf dem Programm.

Ein paar sonnenbestrahlte Minuten später sitzen wir im Bus, Körper an Köper mit anderen Menschen, was zwar keine gemeinschaftlichen Gefühle aufbringt, aber wenn man sich nicht vorsichtig bewegt, muss man selbige oft wechseln, da sich Strichmännchen mit riesigen Busen und verschiedenen Hautfarben immer wieder von einer anderen Seite präsentieren. So geht man international auf Tuchführung und der gute Mann vor mir erinnert mich an einen japanischen Fischer, den ich im Fernseher irgendwann mal sah. Die Welt ist klein und sehr weit ist es bis nach Stonehenge nun nicht mehr.

Und dann kommt Stonehenge auf mich zu oder komme ich auf dieses Weltkulturerbe zu? Wie auch immer. Obwohl es nur noch eine Ruine ist, beeindruckt mich die schiere Größe. Wie in aller Welt haben die Leute damals so riesige Steine nicht nur aufgebaut, sondern auch transportiert. Häuser unserer Zeit fallen schon nach Jahrzehnten, bestenfalls nach Jahrhunderten um, hier stehen steinerne Zeugnisse einer Kultur, die wir nach heutigen Maßstäben als primitiv bezeichnen. Welch Vermessenheit! Stonehenge (Steinhügel) kann man nicht mehr betreten, ein Weg führt außen herum vorbei. Es ist weithin sichtbar und umgeben von Grabhügeln, die sich um das Bauwerk ausbreiten. Eine Kultstätte der besonderen Art. Ich seh die Menschen auf der sogenannten Avenue zur Stätte strömen, die Zeit der Sonnenwende ist gekommen.  Irgendwelche Schamanen oder Priester (Druiden gab es damals noch nicht, sie haben mit Stonehenge nichts zu tun) beschwören die Götter.

Die aufgehende Sonne strahlt ihre gleißendes Licht durch das vorderste Tor. Es besteht aus zwei aufrecht stehenden Steinen, die von einem weiteren Sarsen (so heißt das Material der Steine) überdeckt sind. Es muss damals ein großartiges Schauspiel gewesen sein und ist es auch noch in unserer Zeit, wenn man das Glück hat, zur rechten Zeit anwesend zu sein. Ich umwandere die Anlage und höre dem Audioguide zu. Das Verweilen in dieser entfernten Zeit ist die beste Art Urlaub zu machen und, so blöde es klingt, kann ich mich selbst dabei erleben. Mir ist ganz wohl in meiner Haut. Ein Novum. Schade, dass die Momente so schnell vergehen.

Wir besuchen noch beim Besucherzentrum ein nachgebautes Dorf jener Zeit. Ich höre das Lachen, das Streiten der Männer, sehe die Frau, die ihr Kind säugt und die gebeugte Alte, die eine Art Brei anrichtet. Der stolze Jäger putzt seine Werkzeuge, Hirschgeweihe zum Graben und Lanzen. Ein friedvolles, wenn auch hartes Leben. Sie kennen es nicht anders. Natürlich sehen die anderen Besucher, die sich aus der schier endlosen Menge von Bussen ergießen, nichts, außer weißgetünchte, strohbedeckte Rundbauten, die man gebeugt betreten muss und in denen es relativ dunkel ist. Dieses primitive Leben wird kurz wahrgenommen und ist im Souvenirshop schon vergessen. Wir wäre es mit Stonehenge im Blumenbankformat oder für die Hosentasche. Ein garantierter Staubfänger und Erinnerung an einen Ort: Da lagen doch irgendwelche alten Steine, oder?

Wie schnell ist doch die Kinderstube der Menschheit aus unserer Erinnerung getilgt und Sonnenwenden kennen wir wohl auch nicht mehr. Wir wenden uns der Rückfahrt zu und sitzen schon bald wieder im Bus. Die Guideführerin preist schon wieder den „New Forest“ (Neuen Wald) an und die vielen Ponys, die wir sahen. Von den seltenen Schafen kein Wort. Sie empfand die Fahrt fantastisch und der Busfahrer und sie, betont sie mehrmals, nehmen am Ende der Fahrt auch Euros an, die man sich redlich teilen würde. Auch eine Wende in der Geschichte. Man bezahlt noch einmal für das, was man sowieso schon bezahlte. Ein Danke reicht schon lange nicht mehr. Das ist wohl der Bonus für Pony, Container und die seltenen Schafe. Ach ja, da war ja noch was anderes – Stonehenge, irgendwelche alten Steine eben.

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