Garten "Eden" in Halle-Neustadt

Der Gärtner und sein Wasser | Michas Welt - Reportagen
von Michael Waldow

Wenn man sich einen Gärtner vorstellt, erwartet man eigentlich nicht so einen Typen wie Herrn Kieschke. Hemdsärmlig, mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen und drei-Tages Bart nimmt der Mitfünfziger Platz in meinem Büro für ein Interview und schon kurze Zeit später sprudeln im die Worte aus den Mund. Nicht unbedingt wie ein Wasserfall, aber ein stetiges Plätschern ist es schon. Womit wir schon bei seinem Haupt-, Lieblings- und Notfallthema sind – dem Wasser. Aber der Reihe nach.

Dieser Herr Kieschke, seines Zeichens alles Mögliche, aber kein Gärtner, ist Lehrer an der Heinrich-Heine-Gemeinschaftsschule in Halle-Neustadt, Nähe Eselsmühle, und er hat einen Garten übernommen. Er ist ein sogenannter Quereinsteiger und fand, dass es an der Zeit ist, nach seinen vielen Rollen unter anderem als Industriedesigner, mal wieder etwas Anderes zu machen. Dabei ging es ihm nicht (nur) um den Garten an sich, sondern auch um die Herausforderung. Eine Einstellung, die in der heutigen Zeit den Hut ziehen lässt. Also lässt er sich auf das Abenteuer vor einem Neustädter Block in der Nähe der erwähnten Schule ein und legt dort auf einem Platz einen Garten mit Hochbeeten an. Natürlich haben einst die Zeitungen und sogar das Fernsehen über das Projekt, das vor zwei Jahren startete, berichtet. Doch wie das so ist, die Berichte sind euphorisch, allein die Arbeit bleibt. Und so entsteht etwas Grünes im Grünen. Von den umliegenden Mietern zunächst argwöhnisch und dann mit Wohlwollen beobachtet, von der GWG, Papenburg, HA-NEUer, Klöpfer Holz, Raab Karcher, Umweltamt und IBR Herbst unterstützt, entsteht ein eigenes Paradies. Auch die Stadtwerke sind von der Partie und haben ihm einstweilen schon eine Richtlinie fürs Sponsoring gesendet. Nun haart Herr Kieschke gespannt auf das, was nach den Richtlinien kommt, denn zum perfekten Garten Eden fehlt es noch einiges, vor allem aber fehlt Wasser. Derzeit bekommen es die gärtnerbereiten Schüler quer über die Straße aus dem Versorgungskeller der HA-NEUer, wo nur besagter Herr Kieschke reindarf. Er nennt es den sensiblen Bereich. In dem Raum gibt es Technik für die Mieter eines Blocks und da darf nix verstellt werden, sonst hat die Aktion ein Ende – Strom und Wasser auch.

Es ist mühsam die Schläuche bis dahin zu verlegen und dauert seine Zeit, die manchmal nicht da ist. Schüler ja gern helfen, aber eine Unterrichtsstunde ist nicht ewig. Von der Schule ist es zwar nur ein kleiner Weg, der aber trotzdem Zeit kostet. Die Werkzeuge schleppt unser Gärtner noch im Auto mit. Doch Gott sei Dank ist eine Hütte aus Spanplatten im Entstehen. Dort gibt es nach Fertigstellung einen Raum für die Mieter, einen Raum für die Lehrer und einen großen Raum für Werkzeug und Schülereinsatz.

Die Schüler sind seine Garten AG, aber er möchte dieses Projekt auf viele Schultern verteilen und sieht es als offenes Projekt von den 7.- 9. Klassen an. Neben seinem Kollegen Daniel Lopez helfen ihm drei junge Leute von Uni, mit dem Namen Vianne Vogt, Tillmann Dunte und Marco Fleischer.

So hat der nachdenkliche Mann nicht nur Enthusiasmus, sondern auch Träume. Sein Garten, nennen wir ihn mal Heine-Eden sollte sowohl von den Mietern als auch von den Schülern und mehreren Lehrern beackert werden. Denn dieses „Eden“ braucht Hilfe. Der Knöterich macht sich breit und die Erde wird trocken, womit wir schon wieder beim Wasser wären. So ein Wasseranschluss kostet schlappe 5000,- € und ein wenig kommt Thomas, so heißt der gute Mann mit Vornamen, ins Schwärmen, wenn er von seinen weiteren Träumen spricht. Dann denkt er schon mal an computergesteuerte Beregnung am Wochenende oder in den Ferien.

Doch im Moment werden noch mühsam viele Schläuche verlegt, über die Straße zu besagtem Keller. Der hat auch einen Wasserzähler, weil einige Mieter Bedenken hatten, dass der Wasserpreis auf ihre Schultern verlegt wird. Es sind letztendlich zwar nur ein paar Cent, aber das läppert sich halt auch.

Ich besuche den Garten, der inzwischen von einem Staketenzaun umzäunt ist und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Da wächst neben besagten Knöterich einiges; Stachelbeeren, Bohnen, Kartoffeln und zwar „lilane“ und rote wie Thomas den Schülern erklärt. Seine heutige Klasse ist eine DaZ Klasse (DaZ = Deutsch als Zweitsprache), die den Garten wässern will und nebenbei für seinen Kunsterziehungsunterricht noch Zeichnungen von den Pflanzen macht. Barfüßig stampfen einige Schüler über den sich bildenden Schlammboden bei der Bewässerung, während andere die Natur abzeichnen. Eine Kieschke Integration der natürlichen Art, denn die DaZ-Klasse ist eine Klasse mit Migranten aus einigen Ländern. So werden dann Wildblumen, Kräuter, blühende Kartoffel und Kornblumen im wahrsten Sinne des Wortes aufs Korn genommen. „Nur das mit dem Wasser ist mein Hauptproblem“, seufzt Thomas Kieschke und schaut in den Himmel der sich allzu blau am Himmel spannt. Es verspricht in nächster Zeit heiß zu werden. Immerhin kann ich ihm 60 Meter Schlauch als Sponsoring geben. Ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber Thomas lächelt trotzdem unverzagt.

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