Vorferienspaß in der Saline

oder Geschichte spielerisch erleben | Michas Welt - Hanse
von Michael Waldow

Es ist Montag und Dienstag vor Ferienbeginn. Die Schulen gestalten die letzten Tage nach ihrem eigenen Programm. Die Sonne brennt. Es ist zu warm. Da lädt der Heidesee ein, der aber völlig überfüllt ist. Die Idee haben halt viele Klassen. Da lädt aber auch die 9. Sommerakademie ein in der Saline, wo Schüler experimentieren können. Und dann ist da noch Erasmus von Halberstadt, der schreiende Salzhändler des Hallischen Hansevereins e.V., der im Refugium für Schüler etwas Besonderes vorbereitet hat. Genauer gesagt für 4 Klassen der Heinrich-Heine-Gemeinschaftsschule. 

Der neuzeitliche Erasmus heißt im wirklichen Leben erstens irgendwas mit Michael und ist dort zweitens Lehrer. Baden kann schließlich jeder, Spielen im Mittelalter ist dann doch ein wenig anders. So verkündete er in einer Dienstberatung die Möglichkeit der Begegnung mit dem Mittelalter und vier Klassen griffen zu.

Die Schüler erwarteten Mutproben, Geschicklichkeitsspiele, sie lernten etwas über die mühsame Salzherstellung kennen, es gab ein Wissensquiz und in den eineinhalb bis zwei Stunden war kaum ein Luftholen für die Kinder. Erasmus wuselte dazwischen, erklärte, brüllte und störte damit unabsichtlich auch schon mal die Sommerakademie. Das Mittelalter war nun mal laut und tönt bis in unsere heutige Zeit nach.
10 verschiedene Aufgaben mussten die in Gruppen eingeteilten Klassen absolvieren. So jagten sie im Spiel Bornknechtrennen dem Salz nach, vom Brunnen bis zur Kothe. Es galt Salzsäcke und Salzsteine zu schleppen und die Uhr lief ab, beim höllischen Jagen nach der besten Zeit. Kurz darauf gab es etwas auf die Muskeln mit dem altbekannten Tauziehen. Einige Schüler waren so schnell, dass sie Erasmus aushebelten und dieser mit einem Schwung auf dem Rücken lag. Pech, wenn man zu lange zögert und auf dem Seil steht. Beim Wikingerspiel ging es heiß her, dort mussten die Bauern und der König zu Fall gebracht  und auf die Knochen aufgepasst werden, denn die Holzstäbe wirbelten nur so durch die Luft.
 
Doch kaum hatten die Sechstklässler diese Spiele überstanden, ging es schon um Geschick mit Labyrinth und Geduldsspielen. Jede Gruppe kämpfte so um seine (Plast)Taler und um den Sieg.  In erster Linie ging es um den Spaß und um ein wenig Geschichte, verbunden mit noch mehr Spaß. Als Preis bekam die beste Gruppe eine Urkunde, einen Wochenverdienst in der damaligen Zeit und eine rote Kugel (eine Hallorenkugel in roten Papier eingewickelt). Ein paar Kleinigkeiten als Preise und Süßigkeiten gab es obendrauf, übrigens vom Citymanager der Citygemeinschaft gesponsert.
Das war ganz schön wenig, staunten die Gewinner, aber in jener Zeit des Mittelalters auch ganz schön viel. Man muss ja nicht immer alles mit vollen Händen verteilen, meinte Erasmus, der schon in seiner Eigenschaft als Händler ein wenig geizig war.  Es geht schließlich um die Freude am Spiel. Viel Freizeit hatten die Kinder damals nicht, da sie schon mit 12 Jahren für die Familie hart bis zu 14 Stunden arbeiten mussten. Und eigentlich gab es für die Spiele selten Preise.

Erasmus zeigte in der Waffenkammer des Refugiums, wie schwer die gruseligen Gerätschaften bzw. Waffen waren und auch Justus von Dölau an seiner Seite erklärte einiges über die Hanse und das Salz in Halle. Höhepunkt war für einige Schüler das „Herausschaufeln“ des Salzes aus der Sohle im Siedehaus. So schwer hatten sie sich die Salzgewinnung nicht vorgestellt. Schließlich erhält man heute das Salz für ein paar Cent im Supermarkt. Nach dem Geschichtsvortrag ging es weiter mit Erbsenweitspucken, wobei die meisten Kinder die gelben harten Samen für Maiskörner hielten.

Das alte Spiel Moberle, eine Art Astschlagen von einem Baumstamm, stellte die Schüler anschließend vor ein Rätsel. Was macht man denn für ein Spiel mit Ast, Holzschläger und Baumstamm? Das ausgerechnet dieses Spiel mal verboten wurde, weil es exzessiv gespielt wurde, weiß heute kein Mensch, ausgenommen Erasmus, aber der kommt ja aus der Zeit des 15. Jahrhunderts. Die Mutprobe bestand aus Mehlwurmessen, natürlich vorher frittiert. Die einen spuckten, die anderen ekelten sich, aber es gab auch einige Mutige. Recht so.

Souverän setzte sich der Salzkaufmann gegen einige Schüler durch, die nie gelernt haben, dass siegen nicht immer alles ist. Das Handy war absolut tabu, weil zu dieser Zeit unbekannt.  Viel zu schnell waren dann die Spiele auch schon um. Für ein paar Euro pro Klasse hatten die Schüler Geschichte hautnah erlebt und obendrein noch viel Spaß daran. Selbst die Lehrer machten hier und da mit und amüsierten sich prächtig. Nur die eine Neunte Klasse konnte sich kaum durchringen mitzumachen, standen unschlüssig da und hatten Angst um ihre zarten Hände beim Tauziehen. Irgendwie murmelte Erasmus dann etwas von Weicheiern. Sei es drum, auch sie lernten etwas und ihr Klassenlehrer sprang mutig bei einigen Spielen ein. Ein Mann dem das Kind noch nicht verloren gegangen war.

Als am Dienstag die letzten Kinder die Saline verließen, saß Erasmus in seiner Gewandung noch ein wenig still im Hof der Saline. Das Lächeln in seinem Gesicht verriet, dass er in seinem Element gewesen war. Immerhin hatte er nicht nur von Justus Hilfe, sondern auch von Schülern des Produktiven Lernens großartige Unterstützung beim Auf- und Abbau der Spiele und als „Schiedsrichter“. Wie schon erwähnt steckte in der Gewandung des lauten Hansekaufmann auch ein richtiger Klassenlehrer.


Dass der Rücken noch weh tat, nahm Erasmus in Kauf. Im Mittelalter hatte man keine Zeit wehleidig zu sein.

Beitrag Teilen

Zurück