Die Lichterfahrt des Thietmar von Merseburg

Thietmars Flussreise - Stimmen aus der Krypta | Michas Welt - Hanse
von Michael Waldow

 

Wenn man ein Sting Konzert gehört hat und noch den „Englischman in New York“ auf dem Nachhauseweg im Kopf hat, rechnet man ja nun gar nicht mit dem was sich auf der Saale unter der „Brücke der Freundschaft“ bot. Den verwöhnten Ohren schallten irische Klänge aus Dudelsäcken entgegen, die vom sogenannten Kaffenkahn kamen. Dieser alte Fluss transportierte ja schon viel, so auch Holz für die Salzgewinnung und dahingeschiedene Bischöfe.

Doch heute bot sich den Zuschauermengen, die gen Heimat wogen, ein ganz anderes Bild. Im Fackelschein querte eine bunte Truppe die Saale in historischen Gewändern und Kaffenkahnkapitän Justus von Dölau (Jürgen Seilkopf) unterbrach kurzer Hand seine Fahrt ein Weilchen auf dem Weg zum Sophienhafen, während die Engelstrompete (Marion Erge) sich ins Zeug legte und spielte, was der Dudelsack hergab. So hatten die Zuschauer auf der Brücke und entlang der Saale ihr zweites Konzert und bekamen als Bonus noch ein wenig Geschichtsunterricht. Wie ihnen Erasmus von Halberstadt verkündete, befand sich gerade Bischof Thietmar (Thomas Kirchhoff), der von 975 – 1018 lebte und den Merseburger Dom baute, auf dem Schiff. Der ließ es sich nicht nehmen und entbot den Hallensern seinen bischöflichen Gruß, hatte er an diesem Abend doch schon einen langen Weg auf der Saale hinter sich. Das konnten die Zuschauer auf der 1898 gebauten Brücke nicht wissen, vergehen doch 1000 Jahre der Geschichte manchmal schneller als besagtes Sting Konzert.

Begonnen hatte die Fahrt 3 Stunden vorher am Sophienhafen, wo Hatto und Tammo, zwei Gefährten des verstorbenen Bischofs, sich ihres christlichen Vaters erinnerten, als dieser aus dem Totenreich plötzlich auftauchte und die Mission erklärte: „Findet die fehlenden Seiten, auf das meine Chronik vollendet wird.“ Der Kirchenfürst hatte bis zu seinem Tod an einer noch heute viel beachteten Chronik gearbeitet, als der Sensenmann ihn unterbrach und er das „Tanzwunder von Kölbigk“ nicht mehr verarbeiten konnte.

So brachen dann Ritter und Kaufleute gemeinsam mit ihm auf, um Geschichte wieder aufleben zu lassen. Immerhin gehört die ganze Geschichte zum Projekt Von-Dom-zu-Dom des Hallischen Hansevereins unter der Leitung Thomas Kirchhoffs, eben jenem Darsteller des Thietmar. Schon das fünfte Mal findet Thietmars Flussreise von Merseburg nach Alsleben statt und in diesem Jahr heißt die Episode bezeichnender Weise „Stimmen aus der Krypta“. Das erklärt dann wohl auch die Auferstehung des Bischofs, der seine Mission zu Ende führen will. 

Erste Station auf der diesjährigen Reise des Bischofs war dann auch das Peißnitzhaus und schon auf dem Fußweg dahin, konnten die Sting-Konzert Besucher, die auf dem Wege zum ehemaligen Police Sänger waren, den musikalischen Tönen der Engelstrompete folgen. So hatte dann der Künstler gewissermaßen seine „Vorgruppe“. Am Peißnitzhaus, wo eine rechte Bierlaune in der Luft lag, erlebten die Zuschauer die Bekehrung der Slawen durch den Bischof. Kasziemircz, ein slawischer Ortsvorsteher seiner Zeit, war aufgebrochen um bei den alten Göttern für ein wenig mehr Regen mit Opfergaben zu bitten. Da war der Bischof in seinem Element und wollte den wackeren Ortsvorsteher und sein Gefolge vom Götzendienst abhalten und bekehren mit Worten und Gesang. Das klappte nur bedingt, so schnell lassen sich alte Gewohnheiten nicht verändern.

Ibn Al-Jakoub aus Cordoba (Kalifat Cordoba, im 10 Jh. südlicher Teil von Spanien und Portugal), der uns seine Reiseberichte aus dem ostfränkischen Reich von den Slawen überlieferte und auch die Salinen in Halle erwähnte, tauchte in einem weiteren Stück mit zwei Slavinnen auf, die an einem Ritter verkauft werden sollten, nicht ohne ihre Reize zu präsentieren. Der Ritter nahm nach langem feilschen eine der Damen und entschwand den Blicken der Zuschauer, wohin blieb unbekannt. Kurze Zeit später strebte das Boot mit seiner bunten Truppe zum „Krug zum grünen Kranze“, wo die Getreuen von einem Ritter namens v. Ballenstedt (Michael Rauchfuß) überfallen wurden. Dieses Geschlecht setzte tatsächlich in damaligen Zeiten der Saale und Halle zu. Sie waren halt rechte „Raubritter“ würde man heute sagen. Doch die Situation konnte mit einem kurzen Gefecht und gütigen Worten des Bischofs entschärft werden. Schlussendlich wurde der Bischof noch von adligen Herren und Damen (Theatergruppe Pax Domini e.V.) begrüßt.

Schon setzte die Truppe zum letzten Akt auf den Giebichenstein über. Dort bekam es der Bischof mit den schon erwähnten Stimmen aus der Krypta zu tun, als der Teufel, ihn zu verführen versuchte. Sozusagen im Nachhinein. Zwar konnte er dem wackeren Kirchenmann nicht von den angenehmen Seiten der Hölle überzeugen, beendete aber den Abend mit Feuer und Rauch bei einer Feuershow. Das alles wussten die Zuschauer des beendeten Sting Konzertes nicht, als sie dem Kaffenkahn begegneten. Nichts desto trotz spendeten sie der Engelstrompete und dem Bischof ihren Beifall, war dieses Abschlusskonzert mal etwas Anderes und aus uralter Zeit.

Diese Menge an Zuschauer hätte man sich auch auf dem Giebichenstein bei der Feuershow gewünscht, aber so säumten viele Schaulustige den Weg auf der Saale und auch die Gewandeten der Thüringer Ritter, des Hallischen Hansevereins, der Theatergruppe Quinta-X-Essentia, Geierlamm und besagte Engelstrompete mit ihren zwei Mannen, die das Spektakel gestalteten, hörten den irischen Klängen der Dudelsäcke zu und ließen mit Fackeln die Saale ein wenig erstrahlen. Man ließ es sich wohlergehen im Fackelschein, auf der Saale und hing bei der Fahrt zum Sophienhafen seinen Träumen nach. Die waren dann nicht ganz tausend Jahre alt.

Video Lichterfahrt auf der Saale

Unterstützt durch CFM - Evenberatung

Fotos: Sandy Wohlleben (Hallischer Hanseverein e.V.)

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