Der Stadtgottesacker von Halle

Innenstadt | Halle - Gestern und Heute
von Manfred Boide

Errichtet wurde der Stadtgottesacker ab 1557, nach italienischem Vorbild [Camposanto] im Renaissancestil. Die ringförmig angeordneten Arkaden mit ihren eingebauten Grüften waren lange Zeit der städtischen Oberschicht vorbehalten.

Bekannte Universitätsprofessoren, Offiziere, Gelehrte und höhere Beamte sind hier beigesetzt, Johannes Olearius, der Vater von Georg Friedrich Händel, Christian Thomasius, August Hermann Francke, Johann Christian von Dreyhaupt, Ludwig Wucherer, um nur einige zu nennen.
Seit einigen Jahren wird der Stadtgottesacker wieder als letzte Ruhestätte für alle Bürger der Stadt genutzt. Heute gibt es ca. 2.000 Grabstellen.

 

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Geschichtliches

Im 16. Jahrhundert begann man in den Städten, die Toten außerhalb der Stadtmauern zu begraben. In Halle gab Landesherr Kardinal Albrecht 1529 den Auftrag, die alten innerstädtischen Begräbnisplätze aufzulösen.

 

Arkaden Nordseite

Für den neu zu errichtenden Gottesacker wählte man den Martinsberg, auf dem sich bis 1547 die Martinskapelle befand und der sich damals noch vor der Stadt befand. Die schon seit 1350 für Massenbestattungen in Pestzeitendienende Fläche wurde mit einer Mauer umgeben, an der man ab 1557 nach Entwürfen des Stadtbaumeisters und Steinmetzes Nickel Hoffmann in über dreißigjähriger Bauzeit 94 Schwibbögen errichtete, die nach innen geöffnete Arkaden bildeten. Welche Künstler und Handwerker an den Grabbögen mitgewirkt haben, ist aufgrund der Zerstörungen von 1945 und des nachfolgenden Verfalls nicht mehr zu ermitteln. Eine Untersuchung im Jahre 1882 ergab 92 verschiedene Steinmetzzeichen; 1986 waren nur noch 50 erkennbar.

In den Arkaden befanden sich Grüfte, die mit kunstvoll geschmiedeten Eisen- oder Holzgittern abschlossen. Ursprünglich standen die Särge in den bis zu vier Meter tiefen Grüften sichtbar auf dem Boden. Um den gestiegenen hygienischen Ansprüchen im 19. Jahrhundert gerecht zu werden, wurden 1862 jedoch die meisten Grüfte mit Erde aufgefüllt.

Hallescher Stadtgottesacker: Blick zum Torturm

Die Grüfte sind durchnummeriert und waren Eigentum der Stadt. Sie konnten aber von den Halleschen Bürgern gemietet oder auch gekauft werden. Auf dem zunächst freien Feld im Innenraum der Anlage wurde erst ab 1822 bestattet. Nachdem später weitere Friedhöfe für die Einwohner der Stadt eingerichtet worden waren, entwickelte sich der Stadtgottesacker zum bevorzugten Begräbnisort der städtischen Oberschicht. Die Familien von Industriellen, Universitätsprofessoren, höheren Beamten und Offizieren fanden meist in Erbbegräbnissen ihre letzte Ruhe. Heute gibt es auf dem Friedhof etwa 2.000 Grabstellen. Nach einem längeren Verbot von Beisetzungen auf dem Stadtgottesacker können heute Urnen innerhalb der Friedhofsmauern bestattet werden.

Bombenabwürfe in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs, speziell am 31. März 1945, beschädigten die Anlage schwer. In den folgenden Jahrzehnten verfiel sie. Nach der Gründung einer Bürgerinitiative 1985 und der „Stiftung Stadtgottesacker“ begann die Sanierung der denkmalgeschützten Anlage.

Gedenktafel für Marianne Witte

Darüber hinaus gründete sich die „Bauhütte Stadtgottesacker“, die bereits zu DDR-Zeiten von engagierten Bürgern gegründet und am 1. März 1990 als einer der ersten Vereine der Stadt eingetragen wurde. Sie ist hervorgegangen aus dem Arbeitskreis Stadtgottesacker, weil Vereinstätigkeiten zu DDR-Zeiten nur sehr eingeschränkt und mit Zustimmung des Regimes möglich waren. Nach der Wende konnte die Arbeit intensiviert werden. Jedoch erst eine großzügige Privatspende der Tochter des Nobelpreisträgers für Chemie Karl Ziegler, Frau Dr. Marianne Witte (1923–2012), aus dem Vermächtnis ihres Vaters erlaubte ab 1998 eine fast originalgetreue Rekonstruktion des gesamten Komplexes. Am 21. Mai 2003 wurde eine vom Bildhauer Bernd Göbel geschaffene Gedenktafel für die Spenderin enthüllt. Die Ehrenbürgerschaft der Stadt Halle wurde an Marianne Witte am 2. Oktober 2003 verliehen.

Die Bauhütte fasste den Beschluss, die im Krieg zerstörten Gruftbögen durch Studenten der Bildhauerklasse der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle anfertigen zu lassen. Der Bildhauer Martin Roedel und andere schufen als erstes Kopien der Reliefs der Renaissance-Anlage, für die es Vorlagen gab. Für knapp zwei Dutzend der 89 kunstgeschichtlich bedeutenden Reliefs gibt es jedoch keine Vorlagen mehr. Hier hatte sich die „Bauhütte Stadtgottesacker“ e.V. zum Ziel gesetzt, die verloren gegangenen Gruftbögen durch zeitgenössische Reliefgestaltungen zu vervollständigen. Dies geschieht in Zusammenarbeit mit den Denkmalschutzbehörden und ist einzigartig in Deutschland. Die so entstandenen Reliefs wurden 2007 mit dem höchsten Preis der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und des Steinmetzhandwerkes, dem Peter-Parler-Preis, ausgezeichnet. Die Zusammenarbeit ist zukunftsweisend, denn es gibt viele Denkmäler, bei denen Teile nicht mehr rekonstruiert werden können. Hier kann eine Ergänzung mit zeitgenössischen Arbeiten neue, spannende Einblicke bieten.

Marcus Golter, der erste westdeutsche Student an der Kunsthochschule in Halle, hatte zunächst im Jahr 1998 den Bogen 13 mit modernen Reliefs als Diplomarbeit ausgeführt. Das Ergebnis war überzeugend, so dass im Jahr 2017 die Bildhauerarbeiten an den Bogenreliefs beendet werden konnten. Damit sind nach zwei Jahrzehnten 27 Arkadenbögen neu entstanden. Neben Marcus Golter, der 11 Gruftbögen fertig stellte, wurden die übrigen Bögen von den Bildhauern Martin Roedel, Bernd Göbel, Steffen Ahrens und der Bildhauerin Maya Graber erschaffen. Ebenfalls war der Metallbildhauer und Restaurator Pavel Meyrich an der Wiederherstellung der Metallgitter beteiligt.

Der Stadtgottesacker wurde im Jahre 2011 von einer Jury mit dem Bestattungen.de-Awards ausgezeichnet und zu den drei schönsten Friedhöfen in Deutschland gewählt.

 

Beschreibung

Aufwändige Grabstelle im von Arkaden umgebenen Innenraum der Friedhofsanlage

 

Rundbogen 80/81 Frankesche Familiengruft

 

Epitaph des Gottfried Olearius im Rundbogen 74

 

Quelle Wikipedia.

 

Die komplette Historie findet man hier: Stadtgottesacker

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